Helle Leber, dunkle Schoko

24. März 2009, 15:29
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    foto: hersteller

Ildefonso extrem: Andreas Caminada gastiert im Hangar-7 und überzeugt Konstantin Hilberg mit einer nicht alltäglichen Freundschaft

Wo Harald Fidler letztens meine Schreibabstinenz beklagt hat, war sofortiges Fastenbrechen angesagt. Ein Jahrestag bot den Anlass, Andreas Caminada ist der Koch, und das Ikarus im Salzburger Hangar-7, kuratiert von Eckart Witzigmann und ausgeführt von Roland Trettl, ist der Schauplatz.

Fescher Koch

Der erste und einzige Frust des Abends stellt sich gleich zu Beginn ein. Dem Folder, der den Gastkoch dem Ikarus-Publikum vorstellt, ist zu entnehmen, dass Caminada nicht nur 32 Jahre jung ist, sondern noch dazu ziemlich gut aussieht. Doppelt frustrierend, dass meine charmante Begleiterin diesen Umstand als "angenehme Überraschung" empfindet.  Eine weitere Überraschung folgt sogleich: die Weinbegleitung wird ausschließlich aus Schweizer Kreszenzen bestritten, für mich Unkundigen komplettes Neuland.

Gleich der Auftakt der Speisen lässt Zweifel aufkommen, ob es wirklich nötig war, das gesamte Menü zu bestellen. Denn bereits mit den Stuzzicchini, so befinden mein Vis-a-vis und ich überstimmend, könnte man getrost den gesamten Abend verbringen. Nebst Grissini und Kürbiskernen locken eine cremige Mandelsuppe mit Hühnerspieß, ein hauchdünnes "Schinkenplätzchen", herrlich würzige Thunfisch-Rettich-Röllchen, ein Avocado-Stanitzel gefüllt mit einem Fisch-Tartare, von dem ich gerne mehr genommen hätte, sowie ein "Lolli" aus Curry und Kichererbsen. Dazwischen ein Calamansi-Sorbet (eine Kreuzung aus Mandarine und Kumquat, wie ich mittlerweile weiß). Alles verspielt in Form und Darbringung, aber in geschmacklicher Hinsicht absolut ohne Umschweife auf das Produkt fokussiert.

Ildefonso oder Bananensplit?

Das amuse-bouche dann noch eine Spur verspielter: Variationen von der Entenstopfleber, darunter ein Stückchen, das mit Brausepulver behandelt wurde. Weniger wäre da wahrscheinlich mehr gewesen, denn für den haptischen Effekt hätten es ein paar Körner Brause auch getan, doch leider setzt sich geschmacklich die Ascorbinsäure anstatt der Leber durch. Dafür am gleichen Teller: schichtenweise Leber und dunkle Schokolade in Würfelform, eine Art Leber-Ildefonso, das in mir wunderbare Erinnerungen an Massimo Botturas Gänseleber-Magnum wachruft. Wobei Bottura nur formale Anleihen an einer Süßspeise genommen hat, während Caminada die Idee konsequent und köstlich umsetzt. Schoko und Leber - neue beste Freunde!

Meine Gefährtin assoziiert angesichts der Kombination von cremiger Leber, Banane, Joghurt und Schokolade "Entenleber-Bananensplit", was der Speise allerdings nur bedingt gerecht wird, denn was sich hier einigermaßen bizarr liest, das schmeckt tatsächlich ganz vorzüglich. Die anfangs mit Stirnrunzeln quittierte eidgenössische Weinbegleitung erlebt hier einen ersten Höhepunkt, in Form eines Petite Arvine aus dem Wallis.

Nach der Trüffel fällt das Schwein ab

Es folgt ein hervorragender Scampo mit Tatar von Kalbsfilet und Chilifond, der umgehend übertroffen wird von einem unglaublich sämigen Kartoffelflan mit Nussbutter und Perigordtrüffel - abermals ein Gericht, bei dem meine Begleiterin und ich liebend gerne den restlichen Abend hängengeblieben wären, auch wenn wir dafür die anderen Gänge hätten auslassen müssen. Doch weiter im Programm, zu einem Saibling mit Erbsenpüree, Saubohnen und Roten Beeten. Der Fisch wohlschmeckend und zart, wirklich erstaunlich aber die Roten Beete: Miniatur-Exemplare, und teilweise knusprige Halbkugeln, Ergebnis einer Art Eiweiß-Behandlung, wie das kundige Personal im Ikarus weiß.

Danach scheint es beinahe, als hätte Caminada sein Pulver bereits verschossen, den der Wolfsbarsch ist in Ordnung, aber nicht weiter bemerkenswert, und das "Dreierlei vom iberischen Schwein" wirkt, verglichen mit dem Vorangegangen, geradezu uninspiriert.

Rhabarber, Rhabarber

Sehr erfreulich dafür die fünf Schweizer Käse, und wieder auf höchstem Niveau Rhabarber mit Schokolade und Erdbeeren. Das Glück vollkommen macht der halbflüssige Schokokuchen, in meinem persönlichen Spezialranking sicher in einem Atemzug zu nennen mit den Exemplaren aus Vikerl's Lokal und der Osteria del Vignaiolo im piemontesischen La Morra.

Bruchlandung bei der Rechnung

Mehr als vier Stunden volles Programm, flankiert von einem Service, der an Aufmerksamkeit und Umsichtigkeit kaum zu überbieten ist - das hat seinen Preis. Inklusive Trinkgeld nähert man sich zu zweit bereits jenem Betrag, der mit einem einzelnen Geldschein gerade mal zu bewältigen ist. Dessen ungeachtet sind meine charmante Begleiterin und ich äußerst gut gelaunt aus dem Hangar gewankt (ja, die Weinbegleitung war gut bis hervorragend), und wir waren uns einig: das war's wert.

Factbox
Andreas Caminada ist bis Ende März Gastkoch im Ikarus
Hangar-7
Wilhelm-Spazier-Straße 7A
5020 Salzburg
Menü (10-gängig) 136 Euro / inkl. Weinbegleitung 240 Euro pro Person

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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21 Postings
der tortenfreak
00
18.1.2010, 15:10
Leber-Ildefonso habe ich 2005 erstmals im

Palais Coburg probiert, also neu ist das nicht - ich glaube der Koch war Christian Petz.

Das Lama Dalai
01
27.3.2009, 15:06
"Inklusive Trinkgeld nähert man sich zu zweit bereits jenem Betrag, der mit einem einzelnen Geldschein gerade mal zu bewältigen ist."

Nicht einmal 20 € Trinkgeld gegeben bei einer Zeche von 480 € !?!

Konstantin Hilberg
00
30.3.2009, 19:38
Schmattes

Das muss ich jetzt doch ins rechte Licht rücken, ging aufgrund einer Verkürzung wohl unter: meine Gefährtin hat bei zwei Gängen samt Weinbegleitung aus Kapazitätsgründen verzichtet, was natürlich auch in der Rechnung Niederschlag fand. Trinkgeld waren ziemlich genau 10 Prozent, fand und finde ich auch in der gehobenen Gastronomie angemessen, wenn die Leistung stimmt (was in diesem Fall mehr als zutraf).
Grüße,
kohi

Das Lama Dalai
00

Na dann isses ja gut.

petshopgirl
00
25.3.2009, 15:36
I luv chocolate

it´s so hot to shop like a pretty petty!

johnsp
00
25.3.2009, 13:27
Bekanntes?

Mir scheint doch sehr, diese bewährte Kombination und den besten halbflüssigen Schokokuchen aller Zeiten bereits mehrmals bei Bernie Rieder genossen zu haben.

Ich bevorzuge Burgunder und nicht Bordeaux
00
25.3.2009, 13:16
habe mir gerade

ein ildefonso organisiert... ein süßer, kleiner fettbatzen, der herrlich im mund zergeht...

selmasupersad
 
01
25.3.2009, 08:49

500 eulen für ein dinner zu zweit!!!!

werwolfi
00
25.3.2009, 16:39

nicht mal mit mineralwasser statt wein käme man für zwei mit dem nächstkleineren gelben schein zurande... ;o)

Der Boss der Bosse
00
25.3.2009, 12:56
Übliche Preise in der Spitzengastronomie.

Was kostet vergleichsweise ein Abend zu zweit bei einem Konzert von Spitzenmusikern?

eine kleine dezime
04
25.3.2009, 13:22

Im Musikverein und in der Staatsoper gibts Stehplätze um so ca 3€ im Konzerthaus gehts ab 10 € los, in der alten Schmiede reichen 0€. In allen Spielstätten spielen SpitzenmusikerInnen.

Liam N.
00
25.3.2009, 13:02
200-300 Euros

aber natürlich nicht auf den allerbesten Plätzen...

der tortenfreak
00
25.3.2009, 12:54
ist vergleisweise günstig

hatten zu Dritt im Coburg ~ 900 €

joseba beloki
00
25.3.2009, 10:49

die frage ist eher: lässt sich das von der steuer absetzen, wenn man danach drüber schreibt?

Konstantin Hilberg
00
25.3.2009, 11:17

Leider nein.

Auch ein Künstler genießt gerne den Komfort
00
25.3.2009, 10:15

280 ohne wein, das ist wieder nicht so arg. ein flascherl von einem normalpreisigen dazu, dann geht´s wieder.

Konstantin Hilberg
00
25.3.2009, 10:05

Richtig, das ist nicht ohne. Ich habe mich mit dem Gedanken getröstet, dass der Besuch einer Opernvorstellung bei den Salzburger Festspielen mit ordentlichen Karten ähnlich teuer kommt, ähnlich lang dauert, ähnlich vergänglich ist - aber bei weitem nicht so gut schmeckt.
Gruß,
kohi

mbli
01
ich erinnere mich fast ewig an einen schönen opernabend

aber kein essen hatte längere wirkung, als zum nächsten rülpser! ;-)

Kernseife
00
25.3.2009, 12:55

auch die mitkonsumenten sind von vergleichbarer sympathie

petzi der lebensmensch
00
25.3.2009, 04:06
Entenstopfleber

hmmmmmm. lecker!

Firlefranz
00
24.3.2009, 21:58
Hmmm ...

Ich bin etwas verwirrt.

Die schreckliche Morra im Piemont?
Und die kleine My lebt jetzt auf den Kanaren?

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