Zeit der wandelbaren Geister

25. März 2009, 17:52
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Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul baut in seinen Arbeiten Durchgänge zwischen Tradition und Moderne: Das Filmmuseum widmet ihm eine Retrospektive und ein Buch

Wien - Langsam wandelt eine Figur im Halbdunkel einen Pfad entlang des Dschungels, bis sie sich plötzlich entflammt und verbrennt. Auf der darunter montierten Leinwand sieht man junge Menschen, die sich in ein selbst gebautes Raumschiff zurückgezogen haben. Manche von ihnen schlafen dort nur, andere trinken, und einer erzählt von seinen Zeitreisen, die ihn mit Menschen aus früheren Leben vertraut gemacht haben. Der Wechsel zwischen Daseins- und Gestaltformen geschieht im Werk des thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul mit großer Selbstverständlichkeit.

In The Primitive Project, einer neuen Installation, die derzeit im Münchner Haus der Kunst - und in Auszügen nun auch im Filmmuseum - zu sehen ist, widmet sich der Künstler einem verdrängten Kapitel seines Landes: In Nabua, einem Nest im Nordosten Thailands, wurden in den 60er-Jahren Bauern als vermeintliche Kommunisten entlarvt und vom Militärregime brutal gefoltert. "Die Geschichte" , schreibt Weerasethakul in einer soeben erschienen Monografie (FilmmuseumSynemaPublikationen), "verfügt unzweifelhaft über ein Echo zu gegenwärtigen politischen Ausschreitungen." Wie in der Vergangenheit werde der öffentliche Geist durch die Politik manipuliert: Dagegen wendet er sich mit spielerischer Aufklärungsarbeit.

Auch andere seiner Filme und Videos verknüpfen äußerst behände Privates mit Politischem. Den Antrieb dafür bildet Erinnerung, eine aktive, gleichsam alles durchdringende Kraft, die eine Art Gleichwertigkeit mehrerer Bewusstseinsebenen bewirkt. 1970 in Bangkok als Sohn zweier Ärzte geboren - ein Aspekt, der bisher in jedem seiner Spielfilme aufgegriffen wird -, wechselte Weerasethakul fürs Studium ans Chicagoer Art Institute: eine biografische Spur, die jene formale Wendigkeit erklären hilft, mit der er Populärkultur mit dem Mythenreichtum seines Landes, die experimentelle amerikanische Moderne mit traditionelleren Erzählformen verquickt. Mit einem schönen Unwort lässt er sich als Vertreter einer "glokalen" Kultur bezeichnen, sein Werk oszilliert dazu passend im Graubereich zwischen Kunst und Kino.

Schon sein Debütfilm, Mysterious Object at Noon, sprengt gängige Gattungen, indem er sich an das surrealistische Erzählverfahren des "cadavre exquis" hält - jeder Abschnitt ist nur sehr lose mit dem davor verbunden. Der Film öffnet sich für eine Form kollektiver Erinnerung, während die Nachfolgearbeiten Blissfully Yours und Tropical Malady aus zwei Teilen gebaut sind, die sich zueinander wie Vexierbilder verhalten. Im Dschungel finden beide einen Fluchtpunkt, einmal als Ort der Kontemplation, an dem Wunden heilen; einmal als Legende, in der Tiere zu sprechen beginnen und das Auge der Wildnis auf die Zivilisation zurückblickt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2009)

 

Bis 2. April

www.filmmuseum.at


  • Apichatpong Weerasethakul
    foto: filmmuseum

    Apichatpong Weerasethakul

  • Wenn der Tiger auf den Betrachter im Dschungel lauert: In "Tropical Malady"  dringt Apichatpong Weerase-thakul in den Raum der Legende vor.
 
    foto: filmmuseum

    Wenn der Tiger auf den Betrachter im Dschungel lauert: In "Tropical Malady"  dringt Apichatpong Weerase-thakul in den Raum der Legende vor.

     

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