Zilk ein Spion? Skandal!

24. März 2009, 10:17
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Die Wahrheit über die "Kronen Zeitung" und den Spion, den sie liebte

Es geht hier nicht um Dagmar Koller. Vermutlich hätte der ORF sie vor sich selbst schützen und nicht einladen sollen. Jedenfalls hielt die prominente Witwe unliebsamen Journalisten am Sonntag ein Kruzifix entgegen, am Schluss zündete sie ein Kerzerl an. "Im Zentrum" will den politischen Diskurs bestimmen, so sieht der also aus in Österreich.

Kollers Auftritt stellt ein Sinnbild dar. Wie etwa die "Kronen Zeitung" sofort geschlossen - inklusive Leserbrief-Personal - zum Kreuzzug nachrückt, steht diesem Auftritt um nichts nach. "Lasst Zilk in Ruhe!", poltert ein Leser, und der hauseigene Pamphletist schreibt an die Leser zurück, "mein und unser Helmut Zilk" sei nie ein "Alpen-007" gewesen. "Ungeheuerlich", entfährt es dem Herausgeber unter Pseudonym.

Zwischendurch vielleicht einmal die Fakten: Helmut Zilk war unter anderem Wiener Bürgermeister, SPÖ-Ikone und Publikumsliebling (nebenbei: auch "Krone"-Ombudsmann). Im vergangenen Oktober starb er mit 81 Jahren. Gestern schreibt "Profil", er habe in den 60er Jahren für den tschechoslowakischen Geheimdienst gearbeitet. Punkt.

Kerngeschäft Empörung

In der "Krone" steht: Rufmord! Leichenschändung! Sie weiß, wovon sie schreibt. Der Bundeskanzler ist "empört" und verspricht - via "Krone" -, "dass Zilks Andenken nicht zerstört wird". So lässt sich aber auch das Kerngeschäft der publizistischen Nebenwitwe umreißen: Empörung und Verklärung.

Der Leser kann nur bewundern, wie rasant die "Krone" die Vorwürfe ausräumte, wenn nicht einmal das Innenministerium die Stapo-Akte auftreiben kann. Vielleicht weil es dem Boulevardblatt weniger darum geht, ob etwas stimmt, sondern um Stimmung - und um Reflexe statt Recherche.

Wie weit Zilks angebliche Informantentätigkeit wirklich ging, wissen weder Historiker noch Weggefährten mit Sicherheit. Die öffentliche Debatte erzählt aber viel über das Land, in dem fast jeder zweite zum Kleinformat mit den lieben Tieren und den bösen Ausländern greift. Was immer "Profil" und andere Medien schreiben, ist darum nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte hat die "Krone" schon gepachtet. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 24.3.3009)

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