Das Kondom des Papstes

23. März 2009, 19:53
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Kaum hatte er das Wort während seines Besuches in Afrika genommen, schon wogte die Empörung durch die internationale Medienöffentlichkeit - von Richard Wagner

Schon wieder ein vatikanischer Akt des verbalen Rowdytums?

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Da hocken sie nun, all die Experten, die Besserwissenden und Zuständigen, die Windmacher und Selbstdarsteller, die Ideenlieferanten und Verpackungskünstler, die Gestalter und Verwerter, die Wendigen und die Maulhelden, allesamt ratlos darüber, wie sie das Papier, das partout nicht mehr zirkulieren will, weder an den Börsen noch im wirklichen Leben, wieder in Bewegung bringen könnten. Papier ist Papier, und manchmal auch nicht mehr wert.

Da hocken sie nun, und sind, nicht anders als ihr Publikum, für jede Ablenkung dankbar. Man empört sich ja so gerne. Und das, umso mehr, bei schlechten Aussichten.

Fair bleiben

So kommt einem jeder Amoklauf quasi entgegen. Man kann die Fragen, die großen und die kleinen, wieder moralisch angehen, ohne sie sich selbst stellen zu müssen. Die Talkrunden sind prall gefüllt. Soll man das Waffengesetz verschärfen oder gar Computerspiele verbieten? Wegen Gewaltverherrlichung?
Hat einmal jemand darüber nachgedacht, mit welcher Beiläufigkeit die Morde in den "Tatorten" des Fernsehens den Bildschirm passieren? Als sei ohne Leiche kein kurzweiliger Familienabend mehr möglich. Verbieten? Wie das Rauchen?

Man ist aber auch für jede andere Abwegigkeit dankbar. Beispielsweise für die Äußerungen des Papstes, der neuerlich die gesammelten Rollen von Meißner und Mixa ins Kosmopolitische zu heben versteht, und damit das deutsche Gruseln zum internationalen Ereignis werden lässt.

Der so zum Chefrowdy im Vatikan gewordene hat sich nunmehr gegen das Kondom ausgesprochen. Und das auch noch auf seinem Flug nach Kamerun, was bekanntlich in Afrika liegt. Dort herrscht, wie man weiß, Aids.
Nun hat Benedikt gesagt, das Kondom wäre nicht die Lösung des Problems, was aus seiner Sicht durchaus zutreffen mag, meint er doch, in schlichtem Konservatismus, die Treue sei der Schlüssel. Man könnte zwar auch auf den Gedanken kommen, die Lösung bei der Pharmaindustrie zu suchen, aber wir wollen nicht unnötig abschweifen und statt dessen fair bleiben. Und uns noch einmal dem Sturm der Entrüstung zuwenden, in dem der Papst bereits als eine Art Massenmörder erscheint. Nun hat die katholische Kirche, soweit mir bekannt, weder zum Verbot des Kondoms aufgerufen, noch zur Schließung der einschlägigen Industrie. Es steht ihr weder zu, noch liegt es in ihrer Macht. Der Papst kann das Kondom ebenso wenig aus der Welt schaffen, wie die Politik die Krise ungeschehen machen kann.

Beides hat wohl damit zu tun, dass neben die ursprüngliche Schöpfung, die bibelfeste, eine zweite getreten sein muss, eine von uns selbst gemachte.

Dazu gehören Krise und Kondom, Amok und Selbstdarstellung, und alles andere. Fragt jemand vielleicht den Papst, bevor er zum Kondom greift? (Richard Wagner/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2009)

 

Richard Wagner lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin.

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