Zilks Freunde

23. März 2009, 19:37
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Die Protagonisten und die Umstände seiner sogenannten Spionagetätigkeit verdienen doch einen näheren Blick

Journalisten haben sich von ausländischen Regierungen keine Geldkuverts und keine Kristallluster schenken zu lassen - soweit ist Helmut Zilks Verfehlung sonnenklar. Aber die Protagonisten und die Umstände seiner sogenannten Spionagetätigkeit verdienen doch einen näheren Blick. Der Mann, der den damaligen Fernsehmenschen anwarb und sein "Führungsoffizier" wurde, war ein tschechischer Botschaftsangestellter namens Starek. Ich habe ihn recht gut gekannt.

Es war die Zeit des sich anbahnenden Prager Frühlings. Starek, ein freundlicher kleiner Mann mit Glatze vom Typ jüdischer Intellektueller, Ex-Emigrant, war ein enthusiastischer Anhänger der Reformer in der tschechischen Kommunistischen Partei. Ein Mensch, der es im Leben nicht leicht gehabt hatte, der aus honorigen Gründen Kommunist geworden war, seither vermutlich viele Kompromisse schließen musste und jetzt endlich die Chance gekommen sah, seine ursprünglichen Träume wahr werden zu lassen.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er beim Europäischen Forum Alpbach mit uns über seine Hoffnungen für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz diskutierte, über den Wandel durch Annäherung und die Möglichkeiten, Demokratie und Sozialismus zu vereinen und eines Tages die Teilung Europas zu überwinden. Es waren Illusionen, die sich damals viele machten und möglicherweise auch Helmut Zilk. Immerhin war er als Junger Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation "Freie Österreichische Jugend" gewesen.

Ich könnte mir vorstellen, dass Starek aus ehrlicher Überzeugung in dem aufstrebenden Sozialdemokraten Zilk einen potenziellen Verbündeten sah. Dieser wiederum könnte in seinen tschechischen Kontakten eine Möglichkeit gesehen haben, die Öffnung des Nachbarlandes zum Westen zu befördern und dessen Reformprozess zu unterstützen. Die "Stadtgespräche" waren ein Schritt in diese Richtung. Und wenn es dabei etwas zu verdienen gab - dagegen hatte der aus kleinen Verhältnissen Aufgestiegene offenbar auch nichts einzuwenden.

Fast jeder Journalist, der im Ostblock tätig war, ist irgendeinmal auf "Zusammenarbeit" angesprochen worden. Bei mir waren es diverse freundliche Herren, die fragten, ob ich nicht eine "Einschätzung" der Situation in Österreich schreiben wollte, für irgendeine interne Zeitschrift, nur so, als Information. Es wäre leicht verdientes Geld gewesen und hätte niemandem geschadet. Ich möchte nicht wissen, wie viele meiner Kollegen dieser Versuchung nachgegeben haben. Wer Geld brauchte oder zu brauchen glaubte, hatte hier seine Chance. Helmut Zilk, dem guten Leben nie abgeneigt, hat sie offensichtlich ergriffen.

Der Ex-Bürgermeister ist inzwischen in Österreich mehr oder minder heilig gesprochen worden. Wer seine Schattenseiten aufdeckt, ist für seine Anhänger, voran die Kronen Zeitung, so etwas wie ein Denkmalschänder, wenn nicht ein Vaterlandsverräter. Vielleicht sollten wir uns allmählich wieder beruhigen. Helmut Zilk war kein Heiliger, aber wohl auch kein wirklicher Bösewicht. Und die Nachgeborenen wären gut beraten, bei ihrem Urteil auch die besonderen Umstände jener längst vergangenen turbulenten Zeiten mit zu bedenken. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD Printausgabe, 24. März 2009)

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