Billigauto Nano rollt ab Juli in Indien vom Band

23. März 2009, 19:41
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Käufer der ersten 100.000 sollen per Los ermittelt werden - Variante für Europa und die USA folgt erst in einigen Jahren

"Endlich, der Nano ist da", jubelten Indiens Fernsehsender. Selten wurde ein Auto schon im Vorfeld so gefeiert wie das "billigste Auto der Welt", der Nano aus Indien.

Unter riesigem Medienrummel verkündete Konzernchef Ratan Tata nun den Verkaufsstart des 100.000 Rupien (derzeit 1470 Euro) billigen Autos im Juli. Aber viele Kunden werden wohl noch Monate, oder Jahre warten müssen. Weil die Stückzahlen vorne und hinten nicht reichen, werden die ersten Käufer ausgelost.

Tata kann 2009 zunächst 30.000 bis 50.000 Stück produzieren. Experten schätzen die Nachfrage aber auf 200.000 bis 500.000 pro Jahr. Interessierte müssen zunächst ein Bestellformular erstehen, das rund 300 Rupien - rund 4,30 Euro - kostet. Bestellt werden kann zunächst nur vom 9. bis 25. April. Außerdem müssen die Kunden laut Medienberichten bis zu 95 Prozent des Kaufpreises als Sicherheit hinterlegen. Die ersten 100.000 glücklichen Käufer werden per Losentscheid ermittelt. Wann die übrigen Bewerber einen Nano erhalten, ist unklar. Der Konzern will ihnen aber 8,5 Prozent Zinsen auf das hinterlegte Geld zahlen.

Die Kapazitätsknappheit war vorhersehbar: Eigentlich sollte der Nano bereits im Oktober auf den Markt kommen. Doch eine politische Kampagne gegen die Nano-Fabrik im Bundesstaat West-Bengalen warf den Zeitplan um. Nach gewalttätigen Protesten gab Tata die fast fertige Fabrik in Singur auf. Das neue Autowerk in Gujarat, das 250.000 Nanos im Jahr produzieren soll, wird erst 2010 fertig. Bis dahin muss der Konzern den Nano in anderen Fabriken herstellen.

Der Viersitzer, der an den Smart erinnert, ist das Prestigeprojekt Tatas, der damit als erster indischer Autobauer die Global Players herausfordert. Das Gefährt soll Millionen Menschen in Schwellenländern den Traum vom eigenen Auto erfüllen. Dafür wurde der Nano brutal abgespeckt: Er hat kein Radio, keine Airbags, keine Klimaanlage und Servolenkung. Eine teurere Variante (voraussichtlich 5000 Euro) soll in einigen Jahren in Europa und in den USA folgen.

Die Wirtschaftskrise mache es derzeit noch attraktiver, den Nano zu kaufen, sagte Tata. Zugleich könnte sie aber auch zu einem Problem für das Prestigeprojekt werden, mit dem Tata einen indischen "Volkswagen" schaffen will - denn gerade die Mittelschicht hält in der aktuellen Situation ihr Geld zusammen. Ein Potenzial für den billigen Kleinwagen gibt es dennoch: Bisher besitzen in Indien gerade einmal sieben von 1000 Einwohnern ein Auto - in Deutschland sind es 550.

Auch Tata ist in der Krise

Die globale Krise hat Indiens Vorzeigekonzern ohnehin schon erreicht und schwer erwischt. Tata kämpft mit nachlassender Nachfrage und riesigen Schulden. Erstmals seit sieben Jahren wies Tata Motors im letzten Quartal 2008 einen Verlust aus. Vor allem die milliardenschwere Übernahme der britischen Luxusmarken Jaguar und Landrover belastet den Autobauer. Im Juni ist ein Überbrückungskredit von zwei Milliarden Dollar fällig, der bisher nicht gegenfinanziert ist.

Der Zwergflitzer dürfte jedoch alleine kaum die Kraft haben, den Konzern aus dem Graben zu ziehen. Experten schätzen, dass die Gewinnmarge gerade fünf Prozent beträgt - und das nur, wenn er in großen Stückzahlen produziert wird. Selbst wenn Tata 250.000 Nanos im Jahr verkaufe, würde dies den Umsatz nur um drei Prozent steigern, sagt Analyst Vaishali Jajoo. Dennoch bleibt das Billigauto eine kleine Revolution. "Der Nano wird ein neues Segment schaffen, das die Lücke zwischen Motorrädern und bisherigen Einstiegsautos überbrückt", sagt Analyst Mohit Arora. 

Für die westliche Welt ungewöhnliche Mittel wurden auch eingesetzt: Das Management tourte mit dem billigsten Auto schon von Tempel zu Tempel, um göttlichen Segen zu erflehen. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2009)

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    Der Tata Nano hat einen Zweizylinder-Motor mit einem Hubraum von 623 cm3 und 33 PS, eine Plastikkarosserie, einen winzigen Kofferraum und in Indien nicht die geringsten Extras.

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    Konzernchef Ratan Naval Tata beim Launch des Nano.

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    Tata kann 2009 nur 30.000 bis 50.000 Stück produzieren, die Nachfrage wird auf 200.000 bis 500.000 pro Jahr geschätzt.

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