Bloß keine Blitzurteile

23. März 2009, 18:55
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Für die einen ist es unvorstellbar - Andere halten es für möglich, dass alles nur Tarnung war

Groß ist die Erregung über eine mögliche Informantentätigkeit Helmut Zilks für den tschechoslowakischen Geheimdienst in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Für die einen ist es unvorstellbar, dass ausgerechnet Zilk, der dröhnend joviale Populist, Vielredner und - nach einem kurzen Flirt mit der KPÖ bei Kriegsende - prononcierte Antikommunist ein Ostspion gewesen sein soll. Andere halten es für möglich, dass alles nur Tarnung war und verweisen auf das von profil vorgelegte Aktenmaterial.

Der Autor dieser Zeilen hat nach der Wende in der Tschechoslowakei belastendes Material über einen führenden Parteipolitiker, Josef B., erhalten, geprüft und veröffentlicht. Josef B., dem Tätigkeit für die Staatssicherheit vorgeworfen wurde, musste seine politische Laufbahn beenden. Damals hieß es im ersten Artikel dazu, dass der Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen nicht sofort zu beurteilen war, weil "bei Geheimmaterial dieser Art Fabrikationen nicht völlig ausgeschlossen werden können". So war und ist es in den meisten Fällen. Adam Michnik, einer der Vordenker der Wende in Osteuropa, meinte für Polen, dass der Geheimdienst dort so viele "Beweise" fabriziert hätte, dass man damit "den Warschauer Kulturpalast tapezieren" könnte.

Bei Zilk kommen noch, wie der Spiegel vorige Woche schrieb, Vermutungen dazu, dass er unter dem Schutz der CIA gestanden sei und womöglich die Tschechen die Getäuschten waren. Mehr Klarheit gibt es nur, wenn die Akten von Experten geprüft und Zeugen befragt werden können. (Erhard Stackl/DER STANDARD Printausgabe, 24. März 2009)

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