Charmeoffensive im Eichenwald

23. März 2009, 18:52
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Die US-Marines üben für den Einsatz in Afghanistan, die Presse darf zuschauen - Washington versucht alle Register der Öffentlichkeitsarbeit zu ziehen

Glen Taylor hat sich Mühe gegeben. Bronzefarbene und schwarze Streifen wechseln sich ab in seinem Gesicht, selbst die Lippen hat er dunkel geschminkt, während der kahlgeschorene Hinterkopf in zartem Grün schimmert. Seine Kriegsbemalung erinnert an Faschingsnarren. "So wird man im Wald nicht so schnell gesehen."

Es ist ein klirrend kalter Morgen in Quantico, einem Nest in Virginia, knapp eine Autostunde südlich von Washington. Auf einer Lichtung stehen fünf Dutzend frierende Soldaten mit bunt bemalten Gesichtern im Kreis. Ein Marine, stellt Jeffrey Landis resolut klar, klagt nicht über Frost. Er erträgt es, sich bei Minusgraden stundenlang auf den Waldboden zu legen. "Wir sind die Härtesten", ruft der Major.

Das Marine Corps, mit 180.000 Mann der kleinste Teil der US-Streitkräfte, kokettiert ohne Scham mit seiner Erlesenheit, mit Slogans wie "The few, the proud". Und in Quantico üben diejenigen, die sich als Elite der Elite verstehen. Nach der knochenharten Ausbildung wird man sie als Offiziere zu ihren Einheiten schicken. "Joe Snuffy, der Schütze, das kann jeder werden" , sagt Landis. "Aber nicht jeder kann kommandieren. Also sieben wir gnadenlos aus."

Es ist eine endlose Geduldsprobe, so ein Kriegsspiel im Wald. Die Rekruten kriechen durch Unterholz und Dornengestrüpp, robben übers Laub und tragen Gepäck auf dem Rücken, das mindestens vierzig Kilo wiegt. Irgendwo hinter einer Senke hält sich der Gegner versteckt. Also heißt es Erdlöcher graben, genauer, Erdlöcher in den gefrorenen Boden hacken, Sandsäcke füllen - und warten, eine Ewigkeit warten. "Yes, Sir!", flüstert einer, dem der Captain Glen Taylor etwas befiehlt. Normalerweise schreien sie es. "Yes, Sir!" "Aye, Sir!" Aber drüben lauert der Feind, und der darf nichts hören.

Die Presse schaut zu, das ist das Bizarrste an diesem Manöver. Vielleicht liegt es daran, dass bald tausende Marines zusätzlich nach Afghanistan verlegt werden, allein achttausend im Mai. Vielleicht liegt es an James Jones, dem nationalen Sicherheitsberater Barack Obamas, der selbst ein "soldier of the sea" war und sich im Umgang mit den Medien gern lässig gibt. Jedenfalls ist es ungewöhnlich, dass das elitäre Corps Journalisten in sein Hauptquartier in Quantico einlädt, um zu zeigen, wie es für den Einsatz am Hindukusch übt. In einem Eichenwald.

"Na ja, ein bisschen Fantasie muss man haben. Denken wir uns die Eichen einfach weg, dann kommt es hin." Glen Taylor war schon in Afghanistan, 2003, in der Provinz Kunar an der Grenze zu Pakistan, kurz nach dem Studium der Politikwissenschaften. 2005 und 2006 war er im Irak, Basra, Sakarija, Falluja. Der Captain klingt wie Obama, wenn er klagt, sie seien zu früh aus Kunar abgerückt, nur weil George W. Bush die Prioritäten verschob. "Nun haben die Taliban wieder genug Macht, um die Menschen nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Wir haben die Initiative verloren." Was er gelernt hat am Hindukusch? Taylors Antwort klingt, als käme sie aus dem Munde eines routinierten Entwicklungshelfers. "Finde heraus, auf wen die Leute im Dorf hören. Schenk' dem Burschen eine Ladung Schaufeln, dann tut er später vielleicht etwas für dich. Quid pro quo, darauf läuft es hinaus." Militärische Macht stoße schnell an ihre Grenzen, das sei auch so eine irakische Lehre. "Hast du einen Hammer, betrachtest du jedes Problem als Nagel. Völlig falsch."

Hannah Feuerstein, eine 22-Jährige aus der Universitätsstadt Boulder in Colorado, wirkt wie eine Studentin, die sich durch einen dummen Zufall in diesen Wald verirrte. In Afghanistan würde sie "den Leuten erklären, dass wir besser sind als unser Ruf" . Da gibt es einiges nachzuholen, nicht nur in Afghanistan, auch in Amerika. Die Tapfersten, die Besten, die Stolzesten? Viele sehen es anders. Der Krieg im Irak hat die Schattenseiten betont: die Soldaten, die als Nervenwracks heimkehrten, das Blutbad in der Euphratstadt Haditha, wo Marinesoldaten am 19. November 2005 24 Zivilisten töteten. Es gab Rekrutierungsprobleme, bevor die Krise begann und das Militär wieder stärkeren Zulauf bekam.

Nach sechs Stunden Wartens ist der Gegner gesichtet, die Schlacht beginnt. Endlich. Einer geht nicht rechtzeitig in Deckung, wofür er eine Kopfnuss kassiert. "In Afghanistan", raunzt Taylor ihn an, "wärst du jetzt mausetot". (Frank Herrmann aus Quantico/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2009)

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    Marines im Einsatz in Afghanistan: Ein Soldat entschärft eine vergrabene Bombe bei Baqwa, im Südwesten des Landes. Das Marine Corps trägt die Hauptlast der Kämpfe in dem Land.

  • Glen Taylor (links) bei der Übung in Quantico: "Quid pro quo. Darauf läuft es hinaus."
    foto: standard/herrmann

    Glen Taylor (links) bei der Übung in Quantico: "Quid pro quo. Darauf läuft es hinaus."

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