Verbrechen oder Notwendigkeit

23. März 2009, 17:53
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Aus serbischer Sicht hat die Nato ohne Kriegserklärung und ohne die Genehmigung des UN-Sicherheitsrats, eine Aggression auf einen souveränen Staat verübt

Am 24. März 1999 heulte in der Bundesrepublik Jugoslawien erstmals der Fliegeralarm auf. Die darauf folgenden Luftangriffe der Nato auf Serbien und Montenegro dauerten ununterbrochen 78 Tage lang. Abgefeuert wurden um die 22.000 Tonnen Sprengstoff. Bei der Aktion Merciful Angel wurden rund 1000 serbische Soldaten, 2000 Zivilisten, darunter 79 Kinder getötet. Mehre Tausend Menschen wurden verletzt. Als „Kollateralschaden" bezeichnete das Kommando der Nato unter anderem die Vernichtung eines zivilen Autobusses und Eisenbahnzugs, die Zerstörung der neurologischen Klinik und chinesischen Botschaft in Belgrad, den Tod von 162 Menschen, als versehentlich zwei albanische Flüchtlingskolonnen im Kosovo bombardiert wurden.

Auch die zwanzig auf einem Markt in der südserbischen Stadt Nis ermordeten Menschen wurden als Kollateralschaden bezeichnet - sie wurden Opfer von Streubomben. Der Angriff auf das serbische Staatsfernsehen erfolgte dagegen planmäßig: 16 Menschen wurden durch einen Volltreffer getötet, obwohl die serbischen Behörden vorher wussten, dass das TV bombardiert wird, und das Nato-Kommando informiert war, dass sich dort Journalisten und Techniker befanden.

Infrastruktur zerstört

Die serbische Infrastruktur wurde systematisch zerstört: Straßen, Brücken, Eisenbahnschienen, Erdölraffinerien, Elektrowirtschaft, Fabriken. Belgrad schätzt den Schaden auf rund 30 Milliarden Dollar ein. Fast unversehen kamen dabei die serbischen Streitkräfte und Polizei davon: Die jugoslawische Militärdoktrin war Jahrzehnte lang auf einen eventuellen Atomkrieg mit der Sowjetunion eingestellt, die Streitkräfte waren von der zivilen Infrastruktur getrennt.

Als Grund für die Luftangriffe der Nato wurden die schwerwiegenden Verletzungen der Menschenrechte im Kosovo angegeben. Dem serbischen Regime wurde zunächst eine Repression gegenüber den mehrheitlich im Kosovo lebenden Albaner vorgeworfen. Als die pazifistische Freiheitsbewegung des verstorbenen Kosovo-Präsidenten, Ibrahim Rugova, keine Ergebnisse brachte, trat auf die Szene die albanische Untergrundorganisationen „Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK).

Die UCK griff vorwiegend serbische Polizisten an. Kurzfristig setzten die USA die UCK auf eine Liste von internationalen Terrororganisationen. Auch Rugova wollte anfangs von der UCK nichts wissen. Mit der Zeit änderte sich das. In Straffeldzügen gegen die UCK vernichtete die serbische Polizei ganze albanische Dörfer, tötete massenhaft albanische Zivilisten.

Hit and run

Die klassische „hit and run" Taktik der UCK ging somit auf: Immer mehr Albaner flüchteten in die Wälder und schlossen sich der anfangs ungeliebten UCK an. Gleichzeitig wurden Belgrad Massaker an der albanischen Zivilbevölkerung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Die ungezügelten Feldzüge der serbischen Streitkräfte führten letztendlich zu einem Ultimatum des Westens: Entweder Belgrad würde seine Streitkräfte aus dem Kosovo zurückziehen und sie Stationierung von UNO-Truppen und Beobachtermissionen billigen, oder die Nato würde die Bundesrepublik Jugoslawien, bestehend aus Serbien und Montenegro, bombardieren.

Die Verhandlungen darüber wurden Anfang Februar 1999 im französischen Schloss Rambouillet aufgenommen. Im Laufe der Gespräche wurde dem serbischen Verhandlungsteam ein, von den USA ins Spiel gebrachtes, zusätzliches Ultimatum gestellt: Die Stationierung von Nato-Streitkräften in ganz Serbien, und nicht nur im Kosovo, zuzulassen. Eine Forderung, von der man ausgehen konnte, dass sie der absolutistisch regierende, damals jugoslawische Staatschef, Slobodan Milosevic, nicht akzeptieren würde. Die Forderung sollte Milosevic tief in die Knie zwingen. Belgrad lehnte ab.

Keine Debatte über Berechtigung

Am 24. März begannen die Luftangriffe der Nato. Hunderttausende Kosovo-Albaner flüchteten in die Nachbarländer. Vergangenen Monat wurden Vertreter der damaligen serbischen Staats-, Militär- und Polizeispitze vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen wegen Massaker, Massenvertreibungen und im Kosovo systematischem vollzogenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Trotz allen Untaten des Regimes von Slobodan Milosevic im Kosovo, findet in Serbien zehn Jahre nach der „Aggression der Nato" keine Debatte statt, ob die Luftangriffe berechtigt waren, sondern wie man mit der Ungerechtigkeit, viele sagen „Verbrechen", umgehen soll. Während prowestliche Kräfte in die Zukunft blicken und Serbien „trotz allem" als Teil der Europäischen Union sehen, führen nationalistische Parteien und Bewegungen die Luftangriffe der Nato immer wieder als einen „Beweis der antiserbischen Politik des Westens" ins Feld. Von wegen Schutz von Menschenrechte im Kosovo, erklärte so Serbiens Expremier, Vojislav Kostunica. Spätestens nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo sei es klar geworden, dass das Ziel der Luftangriffe die Errichtung eines Nato-Staates auf serbischem Territorium gewesen sei. Als einziges Land, das die Mitgliedschaft in der EU anstrebt, hat Serbien auf eine Mitgliedschaft in der Nato verzichtet.

Einmal abgesehen vom nationalistischen Geschwafel, der Verschwörungstheorien und Xenophobie: Aus serbischer Sicht hat die Nato ohne Kriegserklärung und ohne die Genehmigung des UN-Sicherheitsrats, eine Aggression auf einen souveränen Staat verübt. Anders gesagt: Wenn die serbische Polizei ganze albanische Dörfer im Kosovo zerstörte, weil sich dort albanische bewaffnete Rebellen versteckten, ist das nicht abscheulicher, als wenn die Nato ein ganzes Land vernichtete, tausende Zivilisten tötete, um Slobodan Milosevic zu zwingen seine Streitkräfte aus dem Kosovo zurückzuziehen und die Stationierung der Nato zu akzeptieren.

Generationen wachsen in Serbien heran mit der Erinnerung an das Zischen der Marschflugkörper, das dumpfe Donnern von Bomben, das nervöse Heulen der Sirenen, den feuchten Geruch der Luftschutzbunker, die Angst vor den Bomben der Nato. Serbische prowestlich orientierte Politiker vertreten die Ansicht, dass sich Serbien den Wertvorstellungen Brüssels einfach anpassen müsse. Doch auch für sie bedeutet das nicht anzuerkennen, dass Serbien zu Recht bombardiert worden ist. Am Dienstag soll für eine Minute in Serbien alles stillstehen, um der Opfer der Nato-Luftangriffe zu gedenken. Die Ruinen in Belgrad sorgen schon dafür, dass die Passanten an diese Zeit erinnert werden. Auch ein den „während der Aggression der Nato getöteten Kindern" gewidmetes Denkmal im Park Tasmajdan, vor dem Serbiens Präsident, Boris Tadic, einen Kranz niederlegte. In Serbien gibt es noch keine Einigung darüber, wie man eigentlich mit dem ganzen Kosovo-Epos und seinen Folgen umgehen soll. (Andrej Ivanji aus Belgrad/24.3.2009)

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