"Einige Infos waren freilich top"

23. März 2009, 18:48
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Der Historiker Stefan Karner plädiert für die Einsetzung einer Historikerkommission - Nur so könnten die gegen Helmut Zilk aufgetauchten Vorwürfe geprüft werden

Standard: Es gibt politische Forderungen nach Einsetzung einer Historikerkommission. Wären Sie für eine solche Kommission? 

Karner: Ja, denn die Diskussion um Helmut Zilk muss versachlicht werden. Dies scheint mir am besten über eine Expertenkommission möglich, der Historiker und Experten aus Österreich, Tschechien und eventuell auch der USA angehören. Auf Basis aller verfügbaren Dokumente und der Befragung von noch lebenden Zeitzeugen soll dann eine Bewertung vorgenommen werden.

Standard: Halten Sie es persönlich für möglich, dass Helmut Zilk Informationen für den damaligen ČSSR-Geheimdienst beschafft hat?

Karner: Es kommt darauf an, was man unter Informationen versteht. Die OSS, die Vorgängerin der CIA, hat etwa berichtet, dass nach dem Krieg jeder vierte Salzburger in irgendeiner Weise Informant der OSS war. Wenn nur die Hälfte davon stimmt, dann war es immer noch jeder achte. Die meisten wussten das vermutlich selbst gar nicht. Da war der Informations-Level sicher gering. Soweit ich den Akt Zilk - von dem ja auch nur etwa ein Drittel bislang eingesehen werden konnte - jetzt in Kopie gesehen habe, sind da auch viele Infos drinnen, die man Tags zuvor aus der Zeitung erfahren konnte. Vergessen wir nicht, dass die ÈSSR-Agenten sicher auch prahlen konnten, von dem schon relativ bekannten Zilk Infos bekommen zu haben. Einige Infos darunter waren freilich top. Zumindest aus der Sicht von damals.

Standard: Könnten die Akten vom Geheimdienst auch bewusst angelegt worden sein, um Fehlinformationen zu verbreiten?

Karner: Ja, aber das muss eine Kommission klären. Das geht nur mit historischen und beweiswürdigenden Methoden.

Standard: Alle, die Helmut Zilk gekannt haben, sind jetzt überrascht. Welches Motiv könnte er gehabt haben?

Karner: Dazu kann ich nichts sagen.

Standard: Wie ist es zu erklären, dass Zilk offenbar Zahlungen bestätigt hat? Wenn man schon mit Geheimdiensten zu tun hat, könnte man annehmen, dass man nichts unterschreibt.

Karner: Das waren die typischen kompromittierenden Geheimdienstmethoden.

Standard: Laut Innenministerium sind die österreichischen Zilk-Akten längst verschwunden. Wie ist so etwas möglich?

Karner: Das weiß ich nicht. Vielleicht sind sie ja bloß in "Verstoß" geraten.

Standard: Der tschechische Ex-Präsident Václav Havel hat sich beim Begräbnis von Zilk für die alten Spitzelvorwürfe entschuldigt. War das eine Nettigkeit oder hat er wirklich an Zilks Unschuld geglaubt?

Karner: Auch das ist zu klären. (Günther Oswald/ DER STANDARD-Printausgabe, 24. März 2009)

ZUR PERSON: Stefan Karner (56) ist Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung und stellvertretender Leiter des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Uni Graz.

  • Bestätigte Zahlungen? Für Stefan Karner waren das die "typischen kompromittierenden Geheimdienstmethoden".
    foto: standard/corn

    Bestätigte Zahlungen? Für Stefan Karner waren das die "typischen kompromittierenden Geheimdienstmethoden".

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