Durch das Tor von St. Margarethen nach Carnuntum

23. März 2009, 16:31
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Im August 1989 hunderte von DDR-Bürgern zu einem "Picknick in Ungarn" zusammen

Über die Grenze wieder nach Österreich geht es nach einer Wanderung durch wunderbare ungarische Pusztalandschaften und über kaum befahrene Landstraßen durch das "Tor bei St. Margarethen".

Ein geschichtsträchtiger Durchgang: Vierhundert Jahre marschierten hier die Römer über die Bernsteinstraße. Später folgten Hunnen, Awaren, Germanen, Kreuzritter, Türken, Russen. Postkutschen, Kaufleute, Bauern und Reisende.

Von 1949 bis 1989 teilte der eiserne Vorhang die Welt in zwei Teile, an der Grenze mit einem großen eisernen verschossenen Tor. Im August 1989 jedoch kamen hier hunderte von DDR-Bürgern zu einem "Picknick in Ungarn" zusammen, zum "gemeinsamen Abriss des "Eisernen Vorhangs". Am Nachmittag gegen 15:00 Uhr drängten plötzlich hunderte Menschen zum Tor, drückten es ein, und liefen so lange, bis sie erkannten, dass sie in Freiheit waren. Über 600 Flüchtlinge wurden im Dorf St. Margarethen verpflegt, dann wurden sie in Bussen nach Wien gebracht und weiter mit einem Sonderzug nach Bayern. Das "Tor von St. Margarethen" ist seither eine historische Stätte: dieser Riss im Damm des Ostblocks führte bald darauf zum Zusammenbruch des Riesen und veränderte nicht nur Ungarn, Deutschland und Russland, sondern die ganze Welt.

Beschwingt ging ich in die Dunkelheit hinein nach Österreich, eine schnurgerade Allee entlang.

Die Weinberge flachten langsam ab, und nur selten geschwungene Wege führten mich am Neusiedler See entlang in Richtung Carnuntum. Es war kalt und windig, aber die Niederschläge hielten sich zum Glück in Grenzen. Über Feldwege ging es schließlich, und am Ende durch den Wald auf der Trasse der Bernsteinstraße. Wieder dunkelte es, aber die Dämmerung dauerte jetzt schon beträchtlich länger. Magische Momente, auffliegende Spatzenschwärme, glühender Himmel.

Carnuntum, weitere große Etappe meiner Reise und große Perle auf der langen Schnur der Bernsteinstraße, war eine römische Militärstadt - Stützpunkt der römischen Donauflotte, in deren Nähe sich eine Zivilstadt bildete. Im Laufe des 2. Jahrhunderts vergrößerte sich Carnuntum ständig und erlebte seine Blütezeit schließlich im dritten Jahrhundert, in dem es sich über eine Fläche von 10 km² erstreckte, rund 50.000 Einwohner hatte und den Ehrentitel einer "Colonia" verliehen bekam.

Staunend klettere ich anderntags durch die Ruinen, und vor allem die nach Methoden der "experimentellen Archäologie" auf den ursprünglichen Grundmauern wieder aufgebauten Häuser haben es mir angetan. Noch lange streife ich, ganz allein, durch die "Villa des reichen Römers" und versuche mir das römische Leben hier vorzustellen, das mir plötzlich, mit seiner Fußbodenheizung, dem fließenden Wasser und den roten Dachziegeln, so wenig verschieden erscheint von dem unseren, und das doch so unendlich weit entfernt ist ... (Markus Zohner)

  • 1989 war das "Picknick in Ungarn", zum "gemeinsamen Abriss des "Eisernen Vorhangs".
    foto: markus zohner

    1989 war das "Picknick in Ungarn", zum "gemeinsamen Abriss des "Eisernen Vorhangs".

  • Markus Zohner in Carnuntum.
    foto: markus zohner

    Markus Zohner in Carnuntum.

  • Im Purbacher Museum.
    foto: resch

    Im Purbacher Museum.

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