Kompakt zur eierlegenden Wollmilchsau

23. März 2009, 16:08
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Ein neuer Lehrgang vermittelt Online-Marketing in nur einem Monat - Wie und mit welcher Ausbildung heimische Onliner in die Branche gekommen sind: etat.at fragte nach

"Die Lücke ist geschlossen", schwärmt Kirsten Neubauer und meint damit den neuen Lehrgang für Online-Marketing. "Bis jetzt war es in diesem Job primär Learning by Doing", sagt Neubauer, die als Leiterin des Kompaktkurses fungiert. "In 30 Tagen zum Onliner". So oder so ähnlich könnte das Motto lauten. Das deklarierte Ziel: der Lehrgang will Know-how vermitteln, das man bis dato nur punktuell über FH-Studien oder Einzelkurse erwerben konnte. "So etwas hat in Österreich lange gefehlt", konzediert Barbara Posch gegenüber etat.at. Sie steht der Werbe Akademie des WIFI vor und hat gemeinsam mit dem Verein zur Förderung der Online-Werbung (IAB) den neuen Lehrgang initiiert. Posch spricht von einer "sehr guten Resonanz". Aufgrund der Nachfrage will sie in Zukunft Kurse in dem Bereich weiter forcieren.

Kompaktkurs um 1.300 Euro

Online-Marketing wird seit März als Kompaktkurs angeboten. Die einmonatige Ausbildung gliedert sich in 50 Einheiten und kostet rund 1.300 Euro. "Wir wollen anhand von konkreten Beispielen in die Praxis gehen", sagt Lehrgangsleiterin Neubauer zu etat.at. Der Kurs will über alle relevanten Themen in der Branche informieren: Von Display Advertising über Social Media bis zur Online Mediaplanung. Allerdings nur rudimentär, denn in die Tiefe gehen kann man bei einer so breiten Palette an Themen natürlich nicht, räumt sie ein.

Diplomlehrgang startet im Herbst

Die Gruppe sei "komplett heterogen", berichtet Neubauer über die 22 Teilnehmer. Ein Sammelsurium von Mitarbeitern aus Agenturen, Marketing-Abteilungen oder Leuten, die sich neu orientieren wollen. "Viele wollen die Kompetenz im eigenen Haus haben", sagt Neubauer, die seit zwölf Jahren in dem Metier verwurzelt ist. Der längere Diplomlehrgang Online-Marketing startet dann im Oktober. Ein Kurs, der sich über zwei Semester erstreckt und mit einer Diplomprüfung und einer Abschlussarbeit absolviert werden muss. Laut Neubauer gibt es schon fixe Anmeldungen. Mindestens zehn müssen, maximal 20 Leute dürfen teilnehmen. Kostenpunkt: 1.790 Euro pro Kopf und Semester.

Welcher Werdegang war bis jetzt ein Garant, um in der Branche Fuß zu fassen? etat.at hat ein paar Onliner aus Österreich befragt, welche Ausbildung ihnen den Weg geebnet hat und welches Rüstzeug Kollegen in spe mitbringen sollten.

Vera Steinhäuser

"Von Kindheit an war mir klar, dass ich in die Werbung will." Vera Steinhäuser, Digital Head von PKP proximity, hat Publizistik in Kombination mit Psychologie studiert. Ihre ersten beruflichen Stationen waren Ogilvy und anschließend der Online-Vermarkter Active Agent (jetzt Goldbach Media). Die wichtigsten Kompetenzen hat sie sich im Selbststudium beigebracht und "mit Learning by doing vertieft". Steinhäuser findet es positiv, dass mittlerweile viele erkennen, dass "Bedarf für Know-how im digitalen Bereich vorhanden ist". Es sei ein großer Vorteil, dass es bei der jungen Generation schon ein "Grundverständnis für das Medium Internet" gebe, meint Steinhäuser, die selbst Online-Marketing an der FH St. Pölten unterrichtet.

Florian Magistris

"Ich bin vor ca. zwölf Jahren als Jurist selber quer ins Online-Geschäft eingestiegen", sagt Florian Magistris, ehemals bei ORF On und jetzt Geschäftsführer der Agentur httpool. "Ich habe in der Pionierphase der Online-Werbung die Chance bekommen, bei ORF On von den Besten zu lernen und in die Materie hineinzuwachsen", so Magistris. Damals war vieles erst im Entstehen und Quereinsteiger hätten es leichter gehabt. Da die Systeme zunehmend komplexer werden, sei heutzutage ein "gutes technisches Verständnis" sehr wichtig. Um am Ball zu bleiben, brauche es "Flexibilität und Neugier". Magistris hält die diversen Hochschullehrgänge für eine gute Basis. "Das spezifische Know-how holt man sich dann in der Praxis beim jeweiligen Arbeitgeber und in hoch spezialisierten Seminaren und Workshops."

Andreas Grasel

Den Weg in die Branche hat Andreas Grasel von eProjets über "zwei Zugänge" gefunden. Einerseits über ein "studentisches Internetprojekt an der WU" im Jahr 1995. Andererseits hat er zum gleichen Zeitpunkt ein Jobangebot vom Vorarlberger Medienhaus erhalten, um das Start-up Vienna Online und Austria Online auf Schiene zu bringen. Zu dieser "frühen Internetzeit" sei alles "Learning by doing" gewesen, so Grasel. Es habe keine Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gegeben. "Wir 'Frühstarter' haben eigentlich viele 'Standards' intuitiv eingeführt und gesetzt." Die weiteren Stationen des heute 39-Jährigen waren AOL/CompuServe, LION.cc/Libro Online und e-Projets. Grasel ist Gründungsmitglied der heimischen Online-Agentur. "Mein Rüstzeug war einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Platz mit dem richtigen Interesse und dem richtigen Background gewesen zu sein."

Christine Winter

Christine Winter von Mindshare hat Medientechnik- und desgin an der FH Hagenberg studiert. Nach einem Zwischenstopp als Multimedia Project Manager bei einer Werbeagentur ist Winter zu Mindshare gekommen. Bei der Mediaagentur hat sie zuerst in den Sparten elektronische Medien und Werbeforschung gearbeitet. Seit ein paar Jahren leitet sie die Online Unit "Invention", die aus acht Mitarbeitern besteht. "Der Umsatz aus dem Online-Markt macht bereits neun Prozent im Mediamix der Mindshare-Kunden aus", bilanziert Winter. Angetrieben wird sie von der "Begeisterung für digitale Medien und der Identifikation mit dem 'Digital Life'". Winter: "Online Marketing ist extrem dynamisch, das erfordert viel Kreativität und die ständige Suche nach neuen Ideen, neuen Möglichkeiten und neuen Plattformen."

Christoph Pichler

Christoph Pichler von CPC-Consulting ist im Jahr 1999 in der Internet-Branche gelandet. Der Einstieg erfolgte über den Werbevermarkter Active Agent. Die Ausbildung sei quasi "Training on the Job" gewesen. "Meine Berufserfahrung in Werbeagenturen und im Verlagsmarketing war dafür sicher hilfreich", sagt Pichler, der sich mit seiner jetzigen Agentur auf Suchmaschinen-Marketing spezialisiert hat. Um sich auf dem aktuellsten Stand zu halten, besucht er "regelmäßig Fachkonferenzen in den USA". Über CPC-Consulting können Workshops und Seminare gebucht werden. "Da die Entwicklungen im Online-Marketing extrem dynamisch sind, ist kontinuierliches Dazulernen wichtig, auch wenn man eine entsprechende Ausbildung absolviert hat", so Pichler.

Christoph Seidl

"Das notwendige Fachwissen über digitale Medien habe ich mir erst durch meine berufliche Tätigkeit angeeignet", berichtet Christoph Seidl, Leiter der Digital Media Unit der MediaCom. Seidl hat an der WU ein Betriebswirtschaftsstudium mit Spezialisierung Marketing, Werbung und Marktforschung abgeschlossen. "Eine gute Basis", so Seidl, der unmittelbar nach der Uni im Verkaufsbereich eines Gebäudeservice-Unternehmens tätig war. Kurz danach ist er über eine Online-Kreativagentur in die Branche gekommen. Später hat er seine eigene Agentur gegründet. Derzeit würden interessante Bildungsangebote im digitalen Bereich etabliert. Dennoch sei "'Learning by Doing' gerade in einer dynamischen Mediagattung wie Digital Media extrem wichtig", so Seidl.

Birgit Sedlmayer-Gansinger

"Meine Ausbildung hatte inhaltlich kaum mit dem Medium Internet zu tun", konstatiert Birgit Sedlmayer-Gansinger, Account Director bei DRAFTFCBi, ein hohes Maß an "Training on the Job". Die gebürtige Linzerin hat Handelswissenschaften studiert und die "Ecole supérieure de Commerce" in Frankreich absolviert. Fähigkeiten wie "zielorientiertes Arbeiten, analytisches Denken, Teamleitung oder Mitarbeitermotivation" hat sie nicht auf der Uni gelernt, sondern als "Jugendleiterin und Trainerin in der Erwachsenenbildung bei den Pfadfindern". Sedlmayer-Gansinger ist seit 2001 in dem Metier. Der Einstieg war eher zufällig: "Mit der Übersiedlung von Oberösterreich nach Wien und durch meinen Wechsel von einer Linzer PR- & Directmarketing-Agentur zu OgilvyInteractive war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Interdisziplinäres Wissen

Die 34-Jährige meint, dass Online-Projekte teilweise "sehr komplex" seien. "Angst vor der Technik" sei aber fehl am Platz. Man müsse ja nicht selbst programmieren können, so Sedlmayer-Gansinger. Es helfe jedoch, manchmal dem Screendesigner oder dem Programmierer über die Schulter zu blicken: "Das gibt ein gutes Gefühl für Zusammenhänge und Aufwand." Fachlich profitiert hat sie auch von der "engen Zusammenarbeit mit Kollegen aus klassischen Werbeagenturen". Eine spezifische Online-Ausbildung sei zwar "gut, aber nicht alles". Neben den Fähigkeiten, um im digitalen Business reüssieren zu können, sei auch der Blick über den Tellerrand wichtig, meint Sedlmayer-Gansinger. Ein grundsätzliches Verständnis für andere Kommunikations-Disziplinen müsse vorhanden sein.

Susanne Kristek

Susanne Kristek, seit 2001 Unit Leiterin von FastBridge, hat 1997 die Werbeakademie am Wifi Wien absolviert. Nach zweijähriger Tätigkeit bei Media Markt und Saturn ist sie 1999 in die PanMedia gewechselt. "Damals war das Thema Online gerade im Aufbau." Durch eine "persönliche Affinität und Begeisterung für das Medium" hat Kristek das Know-how erworben. "Es gibt ein notwendiges Basiswissen, das man sich in dem Bereich aneignen muss, sozusagen das Rüstzeug", sagt sie. Am wichtigsten sei aber "Learning by doing" und das Interesse am Thema. "Man muss gerade in diesem Bereich ständig am Ball bleiben, da die Entwicklungen sehr schnell passieren", so Kristek.
(om, derStandard.at, 23.3.2009)

  • Der Lehrgang Online-Marketing findet an der Werbeakademie des Wifi statt.
    foto: wak

    Der Lehrgang Online-Marketing findet an der Werbeakademie des Wifi statt.

  • Kirsten Neubauer leitet den Lehrgang.
    foto: wak

    Kirsten Neubauer leitet den Lehrgang.

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