Rundschau: Finsteres Mütterchen Russland

18. April 2009, 13:36
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coverfoto: piper

Thomas Plischke: "Die Ordenskrieger von Goldberg"

Broschiert, 392 Seiten, € 9,20, Piper 2009.

Weiter geht es mit dem Autor, der - ob beabsichtigt oder nicht - einen der Fantasy inhärenten "Logikschwachpunkt" beseitigt - und zwar in Sachen Zwerge. So erfinderisch und technisch begabt, wie diese stets gezeichnet werden, beginnt man sich doch irgendwann zu fragen, warum sie dann immer noch in ihren Höhlen hocken - Entwicklungspotenzial haben sie ja offenbar. Bei Thomas Plischke haben die Zwerge das auch endlich ausgenutzt - die sich daraus ergebende Welt wurde bereits in der Rezension zu Teil 1 des Zyklus "Die zerrissenen Reiche" beschrieben; und hier verläuft somit die Spoiler-Grenze für diejenigen, die diesen Teil erst nachholen wollen.

Der Zwergenbund im Norden der Welt setzt auf Krieg - immerhin hat das Amt für Prognostik wirtschaftlichen Stillstand vorausgesagt, wenn man sich nichts einfallen lässt. Die Augen der Zwerge richten sich auf den südlichen Nachbarkontinent, wo die Zerrissenen Reiche der Menschen liegen. Diese verstehen sich allesamt als Knechte und Mägde der mythischen Herren - doch irrwitzige Überinterpretationen von Einzelpassagen ihrer Heiligen Schriften haben sie in endlose Glaubenskriege getrieben. Zwergische Missionierung im Namen von Wissenschaft und Vernunft kann da nicht schaden, und der Expansionskrieg ist ebenso durchorganisiert wie der Zwergenbund selbst: Dampfschiffe und Kanonen werden auf den Weg geschickt, Fachleute für Verhaltensstudien berechnen die Erfolgsquote, wie leicht man Menschenstädte durch bloße Bedrohung zur Kapitulation bringen kann. Und daheim titeln die Zeitungen: Auf zum Sieg!

... aber vielleicht haben die Zwerge mehr abgebissen, als sie schlucken können. Das deutet zumindest eine Szene an, in der der aus dem Zwergenbund geflohene Ex-Polizist Garep Schmied eine Tätowierung verpasst bekommt, die ihn die Menschensprache verstehen lässt: Die als Aberglaube abgetane Magie scheint also doch zu funktionieren - ein schlechtes Omen für den anstehenden Feldzug. Garep und seine menschliche Freundin Arisascha stranden als Schiffbrüchige im Süden, während Arisaschas Bruder Siris und der Zwerg Himek Steinbrecher mit der Invasionsarmee unterwegs sind. - Zu diesen vier ProtagonistInnen des ersten Teils kommen nun weitere wichtige Charaktere hinzu: Esavintje, die als Ordensmutter von Goldberg einer Shaolin-artigen Zitadelle und damit gleichzeitig einer äußerst fragilen Über-Organisation einiger Menschenreiche vorsteht; sie wird angesichts der Zwergen-Invasion versuchen zu retten, was zu retten ist. Und weiters die Zwergin Karu Schneider: In Teil 1 noch eine Nebenfigur, stellt sie nun brisante Privat-Ermittlungen im Zwergenbund an: Der Krieg stinkt, die öffentlichen Stellungnahmen dazu ebenso - und in den historischen Archiven finden sich immer mehr Seltsamkeiten: Sieht ganz so aus, als wollte jemand die Geschichte des Zwergenbunds umschreiben.

Wie schon der vorangegangene Teil wartet auch "Die Ordenskrieger von Goldberg" mit einer erfrischend anschaulichen Sprache auf - eine Zwergin jenseits der Menopause beispielsweise hat ein Alter erreicht, in dem ihr kein Kiesel mehr aus der Spalte rollen würde. Der Handlungsbogen hält die Spannung in routinierter Weise aufrecht und Überraschungseffekte setzt es auch wieder: Lagen diese in Teil 1 noch auf zwischenmenschlicher bzw. -zwergischer Ebene, so betreffen sie nun das Wesen der verschwundenen Herren respektive die Geschichte der Welt: Da sind mechanische Alte Diener unter Goldberg am Schürfen - und im Sitzungssal der Zitadelle befindet sich etwas, dessen Beschreibung verdächtig nach einem Hologramm klingt. Das kommt übrigens schon früh im Buch, ist also noch nicht gespoilert. Spätestens die nächsten Zyklus-Teile (noch stehen keine Veröffentlichungstermine fest) werden zeigen, ob die Zwerge ihre Wanderung von der Fantasy über den Steampunk bis ins nächste Genre fortsetzen.

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