Rundschau: Finsteres Mütterchen Russland

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coverfoto: heyne

Dmitry Glukhovsky: "Metro 2033"

Broschiert, 783 Seiten, € 14,40, Heyne 2008.

Das hat sich doch geradezu aufgedrängt, die schon in der Realität fantastische Welt der Moskauer U-Bahn zum Hintergrund eines Science Fiction-Romans zu machen: Wo die Stationen von Deckengemälden, Marmorskulpturen und riesigen Kronleuchtern geschmückt sind, wo Atombunker angelegt wurden und wo es Rolltreppen gibt, die so lange sind, dass Pendler auf ihrem täglichen Arbeitsweg dafür einen eigenen Zeitposten einkalkulieren müssen.

Von dieser Imposanz der "Paläste des Volkes" ist im Roman allerdings nichts mehr geblieben, nachdem ein nicht näher bezeichneter Krieg die Welt verwüstet und die Oberfläche verstrahlt hat. 25 Jahre danach leben die Nachkommen derer, die sich in die Metro retten konnten, in einem unterirdischen Flickenteppich von Mini-Staaten. Stationen mit gleicher Weltanschauung haben sich entlang ideologischer Grenzen zu Bündnissen zusammengeschlossen: Eine rein ökonomisch interessierte Hanse ist dabei ebenso vertreten wie vom organisierten Verbrechen regierte Gebiete, das faschistische Vierte Reich und Sowjet-Nostalgiker, die Polis der Intellektuellen oder diverse extremistisch veranlagte Religionen. Eine der Romanhandlung angepasste Karte des Moskauer U-Bahnnetzes im Bucheinband bietet Überblick über das komplizierte Flechtwerk, das wie ein miniaturisiertes Zerrspiegelbild der russischen Gesellschaft von heute wirkt ... plus ein paar Extras wie Stationen, die von Mutanten erobert wurden.

Quer durch dieses Panoptikum treibt der russische Autor Dmitry Glukhovsky den jungen Protagonisten seines Debütromans: Artjom wurde als Kleinkind aus seiner von Rattenschwärmen überfallenen Heimatstation gerettet und ist in der relativ bürgerlichen Station WDNCh aufgewachsen. Der droht nun eine Invasion der nicht-menschlichen Schwarzen - wie alles Unnatürliche, Mutierte und Furchteinflößende, von dem viel die Rede ist, bleiben diese übrigens die längste Zeit im Bereich des Hörensagens: Erst als Artjom mit einem (kleine Anleihe an die Gebrüder Strugatzki) Stalker die Oberfläche erkundet, nehmen die Wesen, von denen jedes einzelne Darwin zur Verzweiflung gebracht hätte, auch in der aktuellen Handlung Gestalt an. Davor jedoch steht eine lange Irrfahrt durchs Metro-Netz, auf der Artjom immer wieder geheimnisvollen Männern begegnet: Dem Jäger Hunter, der ihn überhaupt erst auf seine Mission schickt, dem mit hypnotischer Kraft Untergangsvisionen heraufbeschwörenden Khan ... aber auch der skurrilen Che-Guevara-Brigade, Schmugglern, Kultanhängern und Faschisten.

Als Feministen könnte man Glukhovsky schwerlich bezeichnen: Von Frauen wird nur anfangs pauschal erwähnt, wie sehr es ihnen gefiele sich an die starke Brust eines Mannes zu flüchten - und insgesamt kommen die paar weiblichen "Nebenfiguren" (schon eher sind es Cameo-Auftritte) in 760 Seiten Handlung auf vielleicht zehn Dialogzeilen. Dafür sind die Männer umso größere Plaudertaschen: Jeder schwelgt in ideologisch gefärbten Welterklärungen, persönlichen Anekdoten und vor allem in Gerüchten. - Durchaus passend zu einer klaustrophobischen Welt, in deren Tunneln Wahnvorstellungen blühen und wo sich in Rekordzeit neue Mythologien herausgebildet haben.

"Metro 2033" lebt von der Einzigartigkeit des Settings - wenn Glukhovsky auch über all den gehetzten Fluchten Artjoms von einer gefährlichen Situation in die nächste das Ziel von dessen Mission und damit den eigentlichen Handlungsbogen mitunter aus den Augen verliert. Und zwar gründlich genug, dass selbst die bittere Schlusspointe etwas von ihrer potenziellen Wucht verliert. - Nichtsdestotrotz bleibt es ein spannender Roman, der es ohne den derzeitigen Boom in Sachen russischer Phantastik vielleicht nicht auf den deutschsprachigen Markt geschafft hätte. Zu wünschen wäre, dass bald einmal auch ein Lukianenko-artiges Zugpferd aus Japan oder Frankreich die Bestsellerlisten stürmen würde, das eine ähnliche Welle an Übersetzungen auslöst.

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10 Postings
abseits der "Hochkultur"...

...ein bis dato unveröffentlichtes Werk.

Science Fiction als Parabel auf unsere heutige Zeit und gleichzeitig ein Beleg Hoffnung und dystopische Ansätze zu verbinden.

zu lesen unter http://www.picword.info/masse_und... elmab.html

Anmerkung zu "Die Ordenskrieger von Goldberg"

Als Co-Autor der "Zerrissenen Reiche" melde ich mich hier kurz zu Wort: Den erwähnten "Logikschwachpunkt" zu schließen war in der Tat eines der Grundanliegen bei der Enwicklung der Reihe. Es ging uns unter anderem darum klassischen Fantasy-Klischees einmal konsequent zu Ende zu denken und mit tatsächlichen historischen und kulturellen Entwicklungen in Verbindung zu bringen.

Für Rückfragen stehen Thomas und ich dem bzw. den verehrten Autoren der Fantasy-Rundschau auch gerne zur Verfügung. Kontaktdaten finden sich auf Thomas' Homepage (www.im-plischke.de).

Mit den besten Grüßen aus Hamburg,
Ole Johan Christiansen

JG Ballard (Crash, Empire of the Sun) ist heute gestorben


His agent Margaret Hanbury said the author had been ill "for several years" and had died on Sunday morning.

Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/ente... 007331.stm

Danke für die Rundschau

Ich hatte bei Gibson auch das Gefühl, dass gerade dann als die Story interessant werden sollte (Ankunft beim Wrack), etwas die Luft raus war.

Auf jedne Fall hervorragende Ideen, wenn er sich mit den Metaphern etwas zurückhält und in der Komposition weiterentwickelt, könnte er ein Großer werden.

Die spektakulärste Idee des Worldbuilding

ist natürlich immer noch die Dyson-Sphäre ( http://en.wikipedia.org/wiki/Dyso... in_fiction ), auch wenn sie gegen wirkliche stellare Objekte (Antares, Acturus, Betelgeuse oder gar VY Canis Majoris (hat einen Durchmesser, der bis zur Saturnbahn gehen würde)) wie Winzlinge wirken.

Wobei das eigentlich keine SF ist

sondern eine Wissenschaftlichen Hintergrund hat:
http://de.wikipedia.org/wiki/Dyso... ph%C3%A4re

Die Ringwelt von Larry Niven und die Schalenwelten von Ian Banks sind aber auch nicht ohne...

http://www.gametrailers.com/game/metr... -2033/3190

Ist Metro 2033 nun das Buch zum Spiel, oder ist Metro 2033 das Spiel zum Buch?

ich denke es ist das spiel zum buch

In der Zusammenfassung über den Roman steht dass der Protagonist mit einem Stalker an die Oberfläche geht. Ab da hat mir auch gedämmert dass das ganze doch irgendwie nach der Spielreihe Stalker riecht.

Hoffentlich ist Juli Zehs Buch besser als das von Kracht, welches ein Sprachkunststück zu sein versucht und ganz kläglich scheitert.

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