"Vorsicht bei Geheimdiensten"

23. März 2009, 15:45
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Fekter glaubt, dass der Geheimakt über Helmut Zilk vor vierzig Jahren vernichtet wurde

Wien - "Man wird nie mehr wissen, was genau war. Aber: Vorsicht bei Geheimdiensten. Man kann sich auf nichts verlassen, das top secret ist." Für Michael Sika, den ehemaligen Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, ist diese Antwort auf die Frage, ob Helmut Zilk möglicherweise im Sold des tschechoslowakischen Geheimdienstes StB gestanden sei, eindeutig genug. "Mehr werden sie aus mir nicht herausquetschen, auch mehr als zehn Jahre nach meiner Pensionierung unterliege ich noch der Amtsverschwiegenheit." 

Warum Sika, der die heimischen Staatspolizei einmal "die größte Schaumschlägerei nach dem Demel" genannt hat, wahrscheinlich mehr weiß, als er sagt? Weil er die Vorwürfe gegen den im Vorjahr verstorbenen Wiener Altbürgermeister schon einmal untersuchen musste. Schon vor fast zehn Jahren hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Zilk zwischen 1965 und 1967 während seiner Zeit als ORF-Journalist Informationen an "die Kommunisten" geliefert haben soll. Möglicherweise sei Zilk sogar ein Doppelagent - für den StB und für den amerikanischen CIA - gewesen.

Stapo-Akten im Nachtkästchen

Dass die Angelegenheit später als innertschechisches Problem mit Politfalle für Zilk bezeichnet wurde, hatte auch zu tun mit Franz Soronics (VP), der zur fraglichen Zeit Innenminister in Österreich war. Soronics präsentierte einen angeblich entlastenden Aktenvermerk, den er zu Hause aufbewahrt habe beziehungsweise später dem Archiv der Politischen Akademie der ÖVP zukommen habe lassen. Womit Sornonics die mediale Aufmerksamkeit schlagartig auf die Frage lenkte, warum ehemalige Minister Teile von Stapo-Akten "daheim im Nachtkästchen" haben können. Sika prüfte, der Aktenvermerk stellte sich als eher nutzloses "Papierl" heraus, trotzdem waren die Vorwürfe gegen Zilk vom Tisch. Bis dieser Tage, der deutsche Spiegel, die tschechische Mlada fronta Dnes und das heimische profil Zilk erneut zum Spion machten, der unter dem Decknamen "Holec" eine Gesamsumme, die heute ungefähr 30.000 Euro entspricht, einkassiert haben soll. Für Informationen, die zwar nicht wirklich "heiß" waren, aber zumindest beim StB gut angekommen sein sollen.

Der tschechische Akt ist also bei Medien gelandet. Aber wo sind die Informationen, die die heimische Staatspolizei angeblich schon 1969 erhalten haben soll, geblieben? "Vernichtet" , gab Innenministerin Maria Fekter (VP) am Montag bekannt. "Und zwar wahrscheinlich schon Ende der 60er- oder Anfang der 70er-Jahre" , so Fekter. "Auch staatspolizeiliche Akte unterliegen Skartierungsvorschriften. Alle fünf bis zehn Jahre wird vernichtet" , ergänzte Ministeriumssprecher Rudolf Gollia auf Anfrage.

Heftige Debatte bei "Im Zentrum"

Der Inhalt des tschechischen Aktes wirft freilich noch mehr Fragen als Antworten auf, über die auch am Sonntagabend in der ORF-Sendung "Im Zentrum" heftig debattiert wurde: Zilks Witwe Dagmar Koller, die mit einem Kreuz in der Hand an der Sendung teilnahm, zeigte sich empört über die Vorwürfe. Für den ehemaligen ORF-Generalintendant und langjährigen Freund Zilks, Gerhard Bacher, ist die Causa "ein Fall für die Staatsanwaltschaft" . Die Wahrheit müsse ans Licht. Dort sieht man aber keinen Handlungsbedarf: "Gegen Verstorbene wird natürlich kein Verfahren eingeleitet" , so Gerhard Jarosch von der Wiener Anklagebehörde.
Wiens Bürgermeister Michael Häupl hält die Spionagevorwürfe gegen seinen Amtsvorgänger für "fundamental lächerlich" . Auch Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) will den Behauptungen "keinen Glauben schenken" . Aus anderen Parteien kommt die Forderung nach einer unabhängigen Expertenkommission. (Michael Simoner/ DER STANDARD-Printausgabe, 24. März 2009)

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    Helmut Zilk soll in seiner Zeit als TV-Journalist gegen Bezahlung Spitzeldienste für den Geheimdienst der damals kommunistischen Tschechoslowakei (CSSR) geleistet haben.

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