Machtkampf in israelischer Armee

23. März 2009, 18:06
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Der Gazakrieg hat den Konflikt zwischen religiösen Hardlinern und den Erben der Kibbutz-Bewegung im Militär verschärft

In der israelischen Armee (Israel Defense Force, IDF) trägt sich laut eines Berichts der New York Times ein Machtkampf zu. Protagonisten sind der weltlich-liberale Flügel und der religiös-nationalistische Flügel, die um die Macht in der Militärführung streiten. Aufgekommen ist die Diskussion im Zuge von Aussagen von IDF-Soldaten, wonach Israels Armee strukturell übermäßige Gewalt gegen palästinensische Zivilisten angewandt habe.

Ein Soldat, der Ram genannt wird, wird in dem Bericht zitiert: "Die Botschaft des Rabbinats war deutlich: ‚Wir sind das jüdische Volk, wir kamen durch ein Wunder in dieses Land, Gott hat uns zurückgebracht und jetzt müssen wir die Nicht-Juden bekämpfen, die uns bei unserer Eroberung des Heiligen Landes stören.'" Viele von Rams Kameraden betrachteten sich laut des Berichts als Kämpfer in einem Religionskrieg.

Einfluss steigt

Während die IDF in den ersten Jahrzehnten seit ihrer Gründung von linken Kibbutz-Mitgliedern dominiert wurde, steigt der Einfluss der national-religiösen Rechten seit einigen Jahren stark an. Während die ultra-ortodoxen Juden vom Militärdienst ausgenommen sind, entsendet vor allem die jüdische Siedlerbewegung im Westjordanland immer mehr ihrer Mitglieder in hohe Führungspositionen. Ein wesentliches Instrument dafür sind die Militärschulen, die von künftigen Führungskadern der IDF besucht werden. Einige davon stehen unter stark religiösem Einfluss, andere werden von säkularen Militärs geleitet - so wie jene, dessen Leiter die Interviews mit den Soldaten veröffentlich hatte.

Vor allem Aussagen des Chefrabbiners des Militärs, Brigadegeneral Avichai Rontzki, gelten vielen Säkularen als problematisch. Rontzki ist Siedler im Westjordanland und hat einen Großteil des Gaza-Kriegs bei der Truppe im Feld zugebracht. Die Losung, die er seinen Soldaten ausgegeben hat, wird von den NYT zitiert: "Wer gnädig zu den Grausamen ist, ist am Ende grausam zu den Gnädigen." Das israelische Verteidigungsministerium erteilte dem Rabbiner daraufhin eine Ermahnung. Avshalom Vilan, ein linker Knesset-Abgeordneter, warf ihm dazu vor, aus einem notwendigen Krieg einen Heiligen Krieg gemacht zu haben. Die israelische Tageszeitung Haaretz lässt einen Sprecher der Armee zu Wort kommen, der das Vorgehen im Gazastreifen verteidigt und die Vorwürfe, was die Moral im Krieg betrifft, relativiert: "Diese Berichte sind übertrieben. Wir kümmern uns um alle Abweichungen von den moralischen Standards der IDF."

Unzufriedenheit

Die steigende Unzufriedenheit mit dem religiösen Einfluss in der Armee wird auch vom Londoner Guardian thematisiert. Mikhail Manekin, einer der Soldaten, deren Aussagen zu der Untersuchung geführt hatte, sagt: "Das ist nicht das Militär, das wir kennen. Es geht nicht um einzelne, aggressive Gruppen innerhalb der Armee, sondern um die Strukturen." Manekin berichtet von Soldaten, denen befohlen wurde, mit niemandem über die Erfahrungen in Gaza zu sprechen.

Der 33-Jährige Reservist Amir Marmor beschreibt die Atmosphäre so: "Wir sollten schießen und uns um Konsequenzen keine Sorgen machen." Laut Marmor, der seit 12 Jahren im Reservedienst der IDF steht, habe sich die Stimmung innerhalb der Armee in den vergangenen Jahren verändert: „Es war bisher immer ein Thema in der Armee, wie wir zivile Opfer verhindern können. In dieser Operation (dem Gaza-Krieg Anfang des Jahres, Anm.) wurde darüber nicht geredet." (red)

  • Ein orthodoxer Jude beobachtet die Rauchschwaden über dem Gaza-Streifen.
    foto: ap

    Ein orthodoxer Jude beobachtet die Rauchschwaden über dem Gaza-Streifen.

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