Drunt' in der Lobau

22. März 2009, 19:13
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100 Jahre Sportclub Hakoah gibt es seit Dienstag als Theaterrevue in der Walfischgasse in Wien

Wien - Mirna Jukic würde staunen: Lockenwicklerfrisur und Zigarette gehören zu den demonstrativen Accessoires einer selbstbewussten Schwimmerin der 1930er-Jahre. Und die Badehaube trägt diese kesse Dame auf einem Archivfoto des Wiener Sportclubs Hakoah schräg wie ein modisches Pelzkäppi. Demonstrativer als das alles zusammen leuchtet aus heutiger Sicht nur der Davidstern vom Badeanzug der jungen Frau.

Bereits zur vergangenen Jahrhundertwende, als Sport allmählich zur Massenbewegung wurde, zwang der sogenannte Arierparagraf jüdische Sportlerinnen und Sportler in eigene Turnvereine (löbliche Ausnahme war die Austria). Die 1909 gegründete Hakoah (hebräisch für "Kraft") war der damals größte jüdische Sportklub; zu seinen meistzitierten historischen Minuten zählen jene, in welchen der Wasserballer Friedrich Kantor 1928 in Prag zwei den Meistertitel mitentscheidende Tore schoss. Noch bekannter wurde der Schütze später als Friedrich Torberg.

Ein Theaterstück feiert das heuer 100-jährige Bestehen dieses Vereins, dessen sportlicher Erfolg und identitätsstiftende Bedeutung durch die Nazi-Herrschaft nachhaltig gebrochen wurden. Der SC Hakoah wurde 1938 aufgelöst und enteignet, die meisten Mitglieder wurden ins Ausland vertrieben; viele schafften die Flucht nicht rechtzeitig und wurden in Konzentrationslager deportiert.

Autor Helmut Korherr kam dem Stückauftrag der Hakoah zuvor und zog auf Anfrage einen fertigen Text aus der Schublade. Dessen schlanke Version erfährt morgen, Dienstag, unter dem Titel Hakoah führt! als "bittersüße Revue" ihre Uraufführung am Stadttheater Walfischgasse. Wolfgang Böck spielt den in Auschwitz ermordeten Club-Präsidenten Fritz Löhner-Beda. Aber: "Es geht nicht darum, wie traurig und fruchtbar alles war. Es geht um Alltagsgeschichten und die Liebe von Juden zum Sport", sagt Regisseur Frank Michael Weber.

Sentiment ist auch dabei, wenn Originalmusik der Zeit die Szenenfolgen verkittet, u. a. jene aus der Feder des Lehár-Librettisten Löhner-Beda selbst: Drunt' in der Lobau oder Was machst du mit dem Knie, lieber Hans? Sie unterfüttert die Hommage an die Kämpfer wie den Hakoah-Ringer Micky Hirschl, der 1932 für zwei Olympiamedaillen in Los Angeles gut genug war, dann aber nach Israel vertrieben wurde; oder die Schwimmer Judith Deutsch und die schillernde Hedy Bienenfeld.

Grundiert mit historischem Bildmaterial folgt die vom Verein w + w kultur produzierte Inszenierung in kurzen Szenen den Entwicklungen in den 1930er-Jahren bis zum Neuanfang 1946. Und sie versucht den gewaltigen Sprung bis ins Heute: Die Hakoah verfügt seit dem Vorjahr wieder über ein großzügiges Sport- und Freizeitzentrum auf den spät restituierten Grundstücken in der Krieau.

Als Prolog zur Uraufführung liest Josef Hader am Montag, aus kabarettistischen Texten der Zwischenkriegszeit. Karten unter www.stadttheater.org, (01) 512 42 00, 1010 Wien, Walfischgasse 4, Lesung und Premiere je 20 Uhr. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 23. März 2009)

  • Die Ringermannschaft des Sportclubs Hakoah anno 1926.
    foto: hakoah

    Die Ringermannschaft des Sportclubs Hakoah anno 1926.

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