Richtig bitterfotzig

22. März 2009, 18:57
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Ihr subjektiver Aufschrei aus der Kleinfamilien-Hölle ließ in Schweden kaum jemand kalt: Nun ist die "Bitterfotze" von Maria Sveland auch auf Deutsch erschienen

Die "Normalität" macht aus jeder Frau eine Bitterfotze - zu dieser Erkenntnis gelangt die 30-jährige Sara, als sie ihre Situation als junge Mutter im Schweden der 00er rekapituliert. Die Reflexion, es ist keine freiwillige, drängt sich auf durch ihre festgefahrene Lebenssituation: 30, seit mehreren Jahren verheiratet, ein zweijähriges Kind, den Wunsch nach der Erfüllung im Beruf nicht aufgegeben. Schließlich ist der Punkt gekommen, als sich Sara eine Auszeit von Mann und Kind nimmt, um in Teneriffa Klartext zu schaffen, über ihre eigene Situation und den Konsequenzen, die sie bereithält. Da diese Auseinandersetzung nicht nur private Einsichten bringt, sondern auch die vermeintlich gleichberechtigte schwedische Gesellschaft attackiert, lässt es sich erahnen, dass "Bitterfotze" neben einem gut abgehangenen Stück Prosa auch ein feministisches Manifest ist.

Bitterfotzen überall

In der Geschichte von Sara gibt es einige Parallelen zum Leben der jungen schwedischen Autorin Maria Sveland. Auch sie ist verheiratet, Mutter zweier Kleinkinder und beruflich aktiv. Trotzdem will sie ihren Debütroman nicht als autobiographisch verstanden wissen. "Zunächst wollte ich ein Sachbuch schreiben, da ich ja auch Journalistin bin, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich meine Standpunkte effizienter darstellen kann, wenn ich die Fiktion nutze", meint sie zur Erklärung der Form. In knappen Sätzen illustriert sie die Gedankenwelt einer Frau, die das Leben ablehnt, in dem sie spätestens seit ihrer Mutterschaft steckt: Aufgesogen zwischen den ungerechten Ansprüchen einer Gesellschaft, was die Elternschaft betrifft und den eigenen internalisierten Bildern von "idealen Müttern" und gleichberechtigten Beziehungen. Es sind die Parallelen der Erfahrungen von jungen Müttern, die die Stockholmerin in ihrem Debütroman direkt und zornig illustriert und es ist die Kraft der Fiktion, die es ermöglicht, aus einem so präsenten und unglamourösen Thema wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen Bestseller-Roman zu zimmern.

Reaktion auf kranke Gesellschaft

Nicht geschadet haben dürfte ihr, die Wortkreation "Bitterfotze" als Titel des Romans zu wählen. Sveland sieht den Begriff allerdings nicht als PR-Gag, sondern als "Selbstverteidigung": "Eine Bitterfotze ist das Gegenteil einer weiblichen Märtyrerin. Sie ist jemand, die die Schnauze voll hat, die ihren Ärger ernst nimmt und ihn nutzt, um Ungerechtigkeiten konstruktiv entgegenzutreten. Sie ist eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft." Was liegt da näher, als die diffamierenden Beschreibung von Feministinnen als "bitter" und "Fotze" in eine Kampfansage zu packen?

Und in der Tat kreisen die fast 300 Seiten des Romans um diesen Begriff, um einen bestimmten Typus Mensch, der sich dahinter verbirgt: Frauen, die verbittert sind, aber es nicht sein wollen, Frauen, die aber auch nicht mehr über die vielen persönlichen und strukturellen Benachteiligungen und Demütigungen hinwegsehen wollen, die ein Frauenleben beinhaltet und meist in der Geburt eines Kindes gipfelt: Spätestens dann wird klar, dass die Gesellschaft für Männer und Frauen unterschiedliche Rollen vorgesehen hat:

Das fängt bei der Still-Frage an und endet mit der Bereitschaft, die Fassade einer gleichberechtigten Beziehung aufrechtzuerhalten, auch wenn klar ist, dass das Leben des Vaters mehr oder weniger gleich weitergeht, während sich das der Mutter vollkommen ändert. Sveland schildert diese schleichende Veränderung mit einer derart druckvollen und meinungsstarken Sprache, dass es der Leserin schwerfällt, nicht Stellung zu beziehen zu den Rollenverteilungen und Ansprüchen, die sich im eigenen Beziehungs-, Familien- und Berufsalltag zeigen. Ihre Analysen zu Liebe, Elternschaft und Ehe stellt sie gekonnt in Beziehung zu Modellen aus den 1970ern, als "Selbstbestimmung" und "Emanzipation" für Frauen noch weitaus offenere und wohl auch kraftvollere Begriffe waren.

Kniefall vor Vätern

Als ob ein Agitationsroman wie "Bitterfotze" noch nicht reichen würde lässt Sveland auch in Interviews keine Gelegenheit aus, den Ruf Schwedens als Vorzeigeland der Gleichberechtigung zu berichtigen: Natürlich sei ihr Land im Vergleich zu anderen fortschrittlich, doch diese Selbstwahrnehmung würde bei den Mächtigen oft auch als Ausrede dazu benützt, keine weiteren Anstrengungen für tatsächliche Gleichberechtigung zu unternehmen, lautet ihr Urteil. Sie beanstandet, dass die schwedische Gesellschaft einen Kniefall vor Vätern macht, die zwei Monate in Karenz gehen, während Frauen nach wie vor die gesamte Verantwortung für die Erziehung zugeschoben wird. Und sie wünscht sich, dass die Gesellschaft endlich anfange "über Elternschaft anstatt immer nur über Mutterschaft zu reden".

In Deutschland hat man für Svelands Bestseller schon ein Etikett gefunden, das aufgrund seiner Aussagelosigkeit eigentlich für alle Bücher von Frauen herangezogen werden könnte: "Neue Weiblichkeit" nennt beispielsweise der "Stern" Svelands bitterfotzige Abrechnung und stellt es in eine Reihe mit Charlotte Roches "Feuchtgebiete" oder auch Rebecca Martins Überraschungserfolg "Frühling und so". Fraglich, was Roches Anal-Beschau und Martins Teenie-Erotik-Prosa mit einer profunden Gesellschaftsanalyse zu tun hat, wie Sveland sie hier trotz der streng subjektiven Zugangsweise vorlegt.

Letztere macht gerade den Reiz der Lektüre von "Bitterfotze" aus, weil sie permanent die Frage ermöglicht, inwieweit sich ihre Eindrücke verallgemeinern ließen. Svelands Darstellungen ihrer Schuldgefühle gegenüber dem Neugeborenen, es auch nur eine Nacht in der Obhut des Vaters zu lassen, gäben etwa Anlass für den Einwand, inwieweit sich Mütter diesen Stress, unersetzlich zu sein, nicht auch selbst machen. An solchen Stellen wir deutlich, dass der emanzipatorisch-feministische Impetus von "Bitterfotze" einer aus der gesellschaftlichen Mitte ist. Aber dort sind Diskussionen dieser Art bekanntlich auch besonders wichtig. (freu, dieStandard.at, 22.3.2009)

  • Bitterfotzevon Maria Sveland, Übersetzung aus dem Schwedischen: Regine ElsässerKiepenheuer & Witsch Verlag, 272 Seiten, 2009    ISBN-13: 978-3462040838
    cover: bitterfotze/kiwi

    Bitterfotze
    von Maria Sveland, Übersetzung aus dem Schwedischen: Regine Elsässer
    Kiepenheuer & Witsch Verlag, 272 Seiten, 2009
    ISBN-13: 978-3462040838

  • Liebe - kann es sie in nicht gleichberechtigten Beziehungen überhaupt geben?, fragt Maria Sveland in ihrem Roman.
    foto: leif hansen

    Liebe - kann es sie in nicht gleichberechtigten Beziehungen überhaupt geben?, fragt Maria Sveland in ihrem Roman.

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