Die Verkitschung einer Jugendtragödie

22. März 2009, 18:32
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Premiere von "Frühlings Erwachen" in einer passablen Inseznierung auf engem Raum

Wien - Der Gast ist zweifellos hochdekoriert: Spring Awakening schaffte es vom Off-Broadway (2006) an den Broadway. Hernach wurde das Musical mit acht Tony-Awards dekoriert. Nun, in Wien, ist es als deutschsprachige Erstaufführung immer noch in der originären Regiehand von Michael Mayer. Das kann also nur ein voller Erfolg werden - schließlich erzählt Frühlings Erwachen auch noch von pubertären Nöten. Von wahrhaft zeitlosen Dingen also.

Es ist nun aber Frank Wedekinds Literaturklassiker (1891), an den man sich hier textlich hält, voll von jugendlicher Seelenpein, voll der Schmerzen. Und das Abprallen an der schulpädagogischen und moralischen Brutalität der Erwachsenenwelt (repräsentiert durch Julia Stemberger und Daniel Berger, die beide eindringlich agieren) überlebt hier nicht jeder: Da begeht einer Selbstmord, der hier als Punk zurechtfrisierte Moritz (glänzend: Wolfgang Türks), weil er einmal durchfällt.

Da stirbt ein Mädchen an den Folgen einer Abtreibung - die liebe Wendla (sympathisch, stimmlich aber etwas unscheinbar: Hanna Kastner). Nur jener, mit dem sie sich einlässt, Melchior (tadellos in jeder Hinsicht: Rasmus Borkowski), entscheidet sich schließlich doch fürs Leben. Düster ist diese Jugendtragödie also, und man möchte in manchen Augenblicken gar keine Musik hören. Schon gar nicht die mitunter schmuseweichen, harmlos harmonisierten Songs (Musik: Duncan Sheik). Die seelischen Nöte spiegeln sich (bis auf zwei Songs) nie in der Musik.

Natürlich aber sind die Lieder hier ein Fantasieraum, in dem die Jugendlichen durchaus aus der Enge ihrer Probleme ausbrechen können. Damit ist nicht unbedingt das unter dem Nachthemd geübte Onanieren im Dreivierteltakt gemeint. Wenn die Girls kollektiv agieren und die Buben ihre Wut heraustanzen (Choreografie: Bill T. Jones), hat das aber zumindest Nuancen des szenisch-musikalisch Stimmigen - aber nur kurz.

Abseits des dominanten Widerspuchs zwischen Geschichte und Musik erlebt man eine passable Inszenierung auf engem Raum. Die Band ist auf der Bühne, auch Zuschauer sitzen links und rechts der kleinen Spielfläche. Dass auch die Darsteller fast unentwegt präsent sind, macht mehr Sinn. Dies ermöglicht einen schnellen Wechsel und wirkt dramaturgisch logisch. Handwerklich also alles tadellos. Nur zu harmlos eben. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 23.03.2009)

 

Bis 30. Mai
Infos: (01) 588 85, 19.30

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    Wo die Wut bisweilen herausgetanzt wird: Melchior (Rasmus Borkowski, Mitte) in "Frühlings Erwachen".

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