Die abgespeckte Selbstverständlichkeit

22. März 2009, 18:26
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    foto: diagonale

    Mysteriöser Anruf aus einem New Yorker Loft: Sabine Timoteo in Michael Glawoggers "Das Vaterspiel", der mit dem Großen Preis der Diagonale für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde.

Mit Preisen für Michael Glawoggers "Das Vaterspiel" und Constantin Wulffs "In die Welt" endete die Diagonale in Graz

Mit gebündeltem Programm fand das Festival zu einer produktiven Gelassenheit zurück.

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Graz - Konzentration benötigt ein geordnetes Ambiente, keine unnötigen Abschweifungen. Die neue Festivalleiterin Barbara Pichler verordnete der Diagonale eine Abschlankungskur, nachdem das Programm in den letzten Jahren durch seine Fülle zunehmend konturloser geworden war. Die Bündelung war ein Erfolg. In einer angenehm gelassenen Atmosphäre verstrich das Festival vergangene Woche in Graz und fand zu einem neuen Selbstverständnis, das der friktionsreichen heimischen Filmszene gewiss nicht schaden wird. Eine Plattform für die Vielgestaltigkeit des Filmschaffens braucht schließlich auch ein stabiles Fundament.

Angesichts wirtschaftlich prekärer Zeiten hat die Ruhe aber auch etwas trügerisches: Filmpolitische Debatten - etwa über die drohende Aufkündigung des Film- und Fernsehabkommens durch den ORF - fanden zu wenig Öffentlichkeit. Die Diskussionsschienen stießen mit der Betonung auf Analyse und Reflexion auf eher geringes Publikumsinteresse. Das ist bedauerlich, weil eine Chance für Vertiefungen ungenützt blieb. Vielleicht benötigt es zusätzlich aktuellerer Themen, um die Gesprächsbereitschaft der Branche anzukurbeln.

Mit 23.000 Besuchern und einer Auslastung von circa 70 Prozent konnte das Festival gegenüber dem Vorjahr zulegen. Eine Kontinuität des Programms zeigte sich in der Qualität der dokumentarischen Arbeiten und deren Fülle an konzeptuellen Strategien. Sabine Derflinger hat mit eine von 8 einen eindringlichen Film über zwei Frauen mit Brustkrebs gedreht, der durch seinen erweiterten Erfahrungshorizont gewinnt: Die Protagonistinnen filmen sich passagenweise selbst, vermitteln damit den zermürbenden Kampf mit der Krankheit auf einer affektiven Ebene.

Auch Nina Kusturicas Little Alien, der das Schicksal minderjähriger Flüchtlinge behandelt, gelingt es, einem Thema Perspektiven abzugewinnen, die über Engagement hinausgehen: Er zeigt nicht nur institutionelle Hürden auf dem Weg zum Asylbescheid, sondern findet Platz für Alltagsbeobachtungen, in denen eine Normalität in der Not, eine Lebensrealität jenseits simpler Oper-Täter-Schemata nachvollziehbar wird.

Eine formal höchst bemerkenswerte Arbeit präsentierte Katharina Copony mit Oceanul Mare, die in das Milieu chinesischer Migranten in Rumänien eindringt. In den mit Auge für Widersprüche komponierten Einstellungen porträtiert sie eine hybride Welt wechselseitiger kultureller Überschneidungen. Das Erfolgsmodell China wiederholt sich quasi als Exportgut gewiefter Unternehmer im Exil.

Überraschungssieger

Preise wurden am Samstagabend bei der Diagonale dann auch vergeben, und zwar im Rahmen einer kompakten, nicht mehr auf Gala gepimpten Zeremonie. Götz Spielmann erhielt den BMUKK-Würdigungspreis für Filmkunst, Förderpreise wurden dem Dokumentaristen Peter Schreiner (Bellavista) und der Videokünstlerin Billy Roisz zuerkannt. Für Überraschung sorgte die Vergabe des Großen Diagonale Spielfilmpreises an Michael Glawoggers Das Vaterspiel: Die bei der Berlinale vorgestellte Josef-Haslinger-Adaption hatte in Graz Österreichpremiere.

Das Vaterspiel kreist auf mehreren Erzählebenen um unauflösbare Stellungen: Ein NS-Kriegsverbrecher vom Baltikum hat sich Jahrzehnte in einem Keller eingeschlossen. Der Sohn eines Opfers gibt seine Geschichte zu Protokoll. Ein österreichischer Spieleentwickler mit schwieriger Vaterbeziehung wird von einer flüchtigen Bekanntschaft mit Renovierungsarbeiten betraut. Die Geschichten verknüpfen sich langsam - der Gesamteindruck bleibt disparat, aber die Jury zeigte sich beeindruckt von der "großen Zerbrechlichkeit" dieses Films um Schuld und Söhne, dessen Puzzleteile nicht "das eine, richtige Bild" ergeben.

Als bester Dokumentarfilm wurde Constantin Wulffs In die Welt ausgezeichnet: konzentrierte Beobachtungen aus dem Alltag der Wiener Semmelweis-Klinik, zum institutionellen Vor- und Umfeld des Gebärens. Der Preis für Innovatives Kino ging - bereits zum zweiten Mal - an Michael Palm, diesmal für Laws of Physics: ein buchstäblich geradliniger, filmischer Belastungstest für das gerechnete Bild.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wirkte der Preisname "für innovative Produktionsleistung" in Bezug auf die prämierte Bonusfilm für den Kinokassenschlager Echte Wiener mehr als schräg. (Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 22.03.2009)

 

Juan Solo
00
26.3.2009, 21:06
Eine formal höchst bemerkenswerte Arbeit ... Oceanul Mare???

Ich glaube ich pack's nicht! Das war so ziemlich das mieseste, was ich am Dokumentarfilmsektor in den letzten Jahren gesehen habe. Ich gehe NICHT ins Kino um Leute beim Blumenkaufen am Standl, beim Picknick im Park ect. zu beobachten. Am ansich interessanten Thema "Chinesische Geschäftsleute in Bukarest" arbeitet der Film völlig vorbei. Formal ist da ÜBERHAUPT kein Konzept dahinter. Gähnende Langeweile. Mein Doku-Tipp nach der Diagonale: "Gangster Girls", der ist allerdings formal höchst bemerkenswert, obwohl ebenso auf Video gedreht.

Was die Schräglage in Bezug auf die Prämierung von "Echte Wiener" betrifft stimme ich aber mit den Autoren überein.

nocomment1
00
23.3.2009, 12:48
die innovative produktionsleistung ist sicher,

die kunst so einen schmarrn so vielen leuten zu verkaufen.

Der/die letzte GrünInnenwählerIn
22
22.3.2009, 21:50
Die Schauspielerin

gibt ja wirklich einen sehr manierlichen Anblick. Dass das schon reicht um prämiert zu werden?

Schicke Schickse
02
23.3.2009, 13:51
leider nicht.

in österreich gelten schöne oder zumindest hübsche frauen nicht als preiswürdig.
deshalb sind in österreichischen filmen auch mit die hässlichsten darstellerinnen der welt zu beobachten.
der fairness halber sei jedoch gesagt, dass auch die männer in österreichischen filmen meisten ausgesprochen grauslich aussehen.

papst benedikt
11
22.3.2009, 21:16

auf die idee, einen dreissig jahre alten "hadern" wie "ein echter wiener..." einen preis für
"INNOVATIVE (?) produktionsleistung" zuzuerkennen, muss man erst mal kommen.
heutzutage nachzudenken, trägt auch nur mehr zur individuellen depression bei, nicht?
;-)

eyeinthesky
31
23.3.2009, 10:31
gehts no?

schon mal überlegt, dass man mit einem "30 jahre alten hardern" wahrscheinlich wirklich was außergewöhnliches (iinovatives) leisten muss, um nochmal 400.000 zuschauer zu begeistern?

Franz Huber
12
22.3.2009, 22:40
Sie wissen aber schon, dass

...damit der aktuelle Kinofilm "Echte Wiener" gemeint ist, nicht die über 30 Jahre alte Serie?

Anna Bolika
00
23.3.2009, 08:08
auch schlimm

der aktuelle ist auch nicht besser.

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