Peter Doherty: "Grace/Wastelands"

22. März 2009, 17:27
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Britpop aus dem Paradies: Aus Pete wurde Peter, der mit entrücktem Blick in die Vergangenheit schaut und die Ironie auch in Arkadien pflegt

Wenn aus dem Pepi der Josef wird, hat das meist mit dem Erwachsenwerden zu tun. Nun wurde aus Pete ein Peter. Was vielleicht bedeutet, dass Herr Doherty keine Lust mehr hat, vor allem als Skandalnudel, Drogenkonsument und Lover von sich reden zu machen. Mit dreißig, einem Alter das die Besten noch vor dreißig Jahren oft gar nicht erreichten, veröffentlicht der Ex Libertines und Babyshambles-Sänger sein erstes Soloalbum. "Grace/Wastelands" wurde von Stephen Street der u.a schon bei den Smiths und bei Blur seine Finger im Spiel hatte produziert. Auch Blur-Gitarrist Graham Coxon ist nebst Babyshambeles-Kollegen mit von der Partie. Das Artwork stammt übrigens von Doherty selbst. Der Mann malt nämlich auch gerne, seine Bilder finden mittlerweile immerhin auch an seinem "Zweitwohnsitz" Paris den Weg in manch Ausstellungsräumlichkeiten. Mangelndes Können kann man dem zwischen Wiltshire und Paris pendelnden Musiker und Maler da wie dort nicht vorwerfen.

Filigraner Sound

Vom Visuellen auf das Akustische zu schließen empfiehlt sich allerdings nicht unbedingt. Mit der kräftigen und energiegeladenen optischen Handschrift korrespondiert der filigrane Sound auf "Grace/Wastelands" kaum. Was nun den Titel betrifft, so darf man wohl ein wenig spekuliert werden - mit Jeff Buckleys 1994er Album "Grace", "T.S. Eliots" Poem "The Waste Land" und König Elvis' Ranch als Spekulationsobjekten. Und dann ist man schon direkt in "Arcadie", dem poetischen Gegenstück zum Garten Eden - eröffnet mit Akustik-Gitarren und einem sanft über das Schlagwerk streichenden Besen. Der fröhliche, flotte Song weiß von der Vertreibung aus dem Paradies ganz offenbar noch nichts. Im leichtfüßigen Stil wird weiter parliert: Die Singleauskopplung "Last of the English Roses" beschwört verklärte Kindheitstage als "alle zusammen, Jungs und Mädchen, sangen und tanzten." Ob die Erinnerung trügt, wer will es schon wissen?

"1939 Returning" versetzt in einen von Streichern und Gitarrenklängen begleiteten Traum und "A Little Death Around The Eyes", eine Ballade die schon vor Jahren mit Libertines Kumpel Carl Barat entstanden sein soll, bleibt dem Prinzip Vergangenheitsbewältigung treu. Wie viele der Songs auf "Grace/Wastelands", die schon lange als Fragmente in Dohertys Vergangenheit herumgeistern und dem Publikum bei dem einen oder anderen Spontan-Gig bereits zu Ohren kamen. Aufarbeitung der Vergangenheit betreibt der Mann, unterstützt von der schottischen Singer-Songwriterin Dot Allison auch in "Sheepskin Tearaway" einem folkigen Liebeslied. Ist man zunächst verlockt, gleich einmal an Kate Moss zu denken, weicht die Gewissenheit spätestens ab "she opend her heart to a tearaway a sheepskin tearaway he was covered in scars and full of heroin" der Frage, ob hier die Liebe der Frau oder der Droge gehört.

Die Liebe wächst auf Bäumen

Das Scherzen ist Doherty aber - Ironie sei Dank - noch nicht vergangen. "If you´re still alive when you´re 25 should I kill you like you asked me to" singt er in "New Love Grows On Trees". Und wenn es in "Lady don´t fall backyards" heißt "come on and fall into my arms" braucht wohl niemand zweimal raten, wer gemeint ist. Doherty habe - so heißt es - dieses Album ohne Drogenexzesse eingespielt. Nicht zum Schlechtesten: Wenn es wahr ist, bleibt er auch clean ein entrückter Träumer. Ob sich die Karriere fürderhin drogenfrei gestalten soll oder nicht, der Anfang einer viel versprechenden Solokarriere als Singer-Songwriter ist jedenfalls geschafft. (mareb)

Parlophone/EMI

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