Singapur macht Betrieben Abwasser schmackhaft

22. März 2009, 17:07
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Inselstaat treibt Wasseraufbereitungs- und Entsalzungstechnologien voran – Ziel ist mehr Unabhängigkeit

Die Finanz- und Handelsmetropole Singapur zählt zu den reichsten Ländern der Welt. 30.000 internationale Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auf dem Inselstaat im südchinesischen Meer angesiedelt, mehr als 116.000 kleine und mittlere heimische Unternehmen bieten ihre Produkte und Dienstleistungen an.
Aber das alles nützt wenig, wenn es kein Wasser gibt. Die 4,8 Millionen Einwohner zählende ehemalige britische Kronkolonie (die bis 2015 auf sieben Millionen Einwohner anwachsen soll) hat zwar einen Fluss, den Singapore River, aber nicht genug Wasser, um den Bedarf von 1,5 Millionen Kubikmeter pro Tag zu decken. Mehr als die Hälfte des Wassers bezieht Singapur deshalb aus Malaysia. Noch.

Um unabhängig vom Nachbarn zu werden, treibt die Regierung schon seit Jahren mit großen Förderprogrammen unter anderem die Entwicklung und den Bau von Wasserherstellungs- und Wiederaufbereitungsanlagen voran.

Zehn Prozent seines Wasserbedarfs deckt Singapur so bereits mit entsalztem Meerwasser. Die heutigen Entsalzungstechniken sind jedoch sehr energiehungrig. Im Vorjahr hat der Stadtstaat, der sich als globales Kompetenzzentrum für Wassertechnologie etabliert hat, deshalb einen mit drei Mio. Dollar geförderten Wettbewerb für effizientere Methoden ausgelobt, den der Industrieriese Siemens für sich gewinnen konnte. Bei der neuen Technik, die laut Rüdiger Knauf, verantwortlich für die Forschung und Entwicklung bei Siemens Water Technologies, 2013 ihre kommerzielle Reife erreichen soll, wird das Salz mittels eines elektrischen Felds aus dem Meerwasser entfernt. Die Technologie verbrauche nur rund halb so viel Energie wie die weit verbreitete thermische Entsalzung und Umkehrosmose.

Weit ehrgeiziger ist ein anderes Wasserprojekt, das Singapurs autarke Wasserversorgung sichern helfen soll: NEWater. "30 Prozent unseres gesamten Wasserbedarfs werden wir bis 2012 aus Abwasser gewinnen" , sagt Harry Seah, Technikchef des Public Utility Boards von Singapur, dem Wasserversorger der Insel. Der Ausgangsstoff, den Seah aus "psychologischen" Gründen lieber als "used water" (verbrauchtes Wasser) statt "waste water" (Schmutzwasser) bezeichnet, durchläuft ein von Siemens mitentwickeltes ausgeklügeltes Recyclingverfahren. Das Wasser, das am Ende rauskommt, schmeckt zwar nicht so gut wie das Wiener Hochquellwasser. Es hat auch so gut wie keine Mineralien mehr, ist aber reiner als Trinkwasser und somit auch in anspruchsvollen Fertigungsprozessen wie etwa in der Halbleiterindustrie einsetzbar.

Vier Aufbereitungsanlagen für NEWater mit einem eigenen Leitungsnetz wurden mittlerweile auf der Insel errichtet. Um das Wasser Betrieben schmackhaft zu machen, ist der Preis für NEWater mit einem Singapur-Dollar pro Kubikmeter um die Hälfte niedriger als für herkömmliches Leitungswasser.

Fünf bis zehn Prozent frisches Wasser wird mittlerweile Trinkwasserreservoirs für Haushalte beigemischt. Um auch die Bevölkerung auf den Geschmack des einstigen Abwassers und nun hochreinen Wasser zu bringen, wird es seit Jahren großzügig kostenlos in kleinen Plastikflaschen verteilt. Auch Staatsgäste dürfen kosten. (Karin Tzschentke aus Singapur/DER STANDARD, Printausgabe, 23.3.2009)

  • Trinkbares, aus Abwasser gewonnenes Wasser auch für Singapurs Staatsgäste.
    foto: siemens

    Trinkbares, aus Abwasser gewonnenes Wasser auch für Singapurs Staatsgäste.

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