Trauerfeier für Opfer von Winnenden

21. März 2009, 13:48
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900 Trauergäste in der Kirche eingefunden - Großeinsatz für Polizei - Familien der Opfer wenden sich mit offenem Brief an Politik

Winnenden - Eingeläutet mit tausenden Kirchenglocken in ganz Württemberg hat am Samstag in Winnenden die zentrale Trauerfeier zum Gedenken an die 15 Opfer des Amoklaufs begonnen. 900 Trauergäste fanden in der Kirche St. Karl Borromäus Platz, darunter die Angehörigen der Opfer sowie Mitschüler. Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July verwies in seiner Predigt auf die christliche Hoffnung für die Opfer und für den Amokläufer: "Wir schweigen auch den Täter dieser furchtbaren Mordtaten, Tim K., nicht tot", sagte July.

Abgeschieden von den Opfern werde auch sein Leben vor Gott gestellt. Beim anschließenden Staatsakt wollten Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Günther Oettinger reden. Neben ihnen war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie weitere Spitzenpolitiker zu der Trauerfeier gekommen.

In einem bewegenden Moment wurde den 15 Todesopfern gedacht. Jeder Name wurde einzeln vorgelesen, zwei Jugendliche brachten eine Kerze mit dem Vornamen durch den langen Mittelgang der Kirche nach vorn, zündeten sie an und stellten die Kerze zusammen mit einer gelben Rose auf den Altar.

Trauerfeier

Zehntausende Menschen hatten sich am Samstagmorgen zur Trauerfeier nach Winnenden bei Stuttgart aufgemacht, die auf Videoleinwänden übertragen wurde. Stille lag am Samstagmorgen über dem Heimatort des Amokläufers Tim K., Leutenbach-Weiler zum Stein, wo sich rund 300 Menschen in der Gemeindehalle einfanden, um die zentrale Trauerfeier gemeinsame zu verfolgen. Begleitet wurden sie von der künftigen Pfarrerin des Ortes, Rosemarie Gimbel-Rueß. Sie wünschte den Besuchern, dass die Trauerfeier ihnen Trost bringe. In dem Saal mit Videoleinwand standen Betreuer von Hilfsorganisationen bereit, um den Trauernden zur Seite zu stehen. Auf dem Friedhof von Weiler zum Stein liegen vier Opfer des Amoklaufs begraben.

Der 17 Jahre alte Amokläufer Tim K. hatte am 11. März an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und danach sich selbst getötet. Seine Leiche wurde zwei Tage nach dem Massaker freigegeben, aber bisher nach Polizeiangaben nicht beigesetzt. "Wann und wo dies geschieht, wird nicht bekanntgegeben", sagte eine Polizeisprecherin in Waiblingen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Opfer des Amokläufers wurden bereits zu Grabe getragen.

 

Opferfamilien fordern von Politik Konsequenzen

Die Familien von fünf getöteten Schüler haben sich in einem offenen Brief an den deutschen Bundespräsident Horst Köhler, an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) gewandt und Konsequenzen aus der Tat gefordert. In dem Schreiben, das die "Winnender Zeitung" am Samstag veröffentlichte, appellieren sie an die Politiker, den Zugang für Jugendliche zu Waffen zu erschweren, Gewaltdarstellungen im Fernsehen einzuschränken, sogenannte Killerspiele zu verbieten, den Jugendschutz im Internet auszubauen und die Berichterstattung der Medien über Amok-Täter zu reglementieren.

Außerdem müsse die Politik für eine umfassende Aufarbeitung der Umstände, die zu der Tat am Mittwoch vergangener Woche geführt haben, sorgen, heißt es in dem offenen Brief. "In unserem Schmerz, in unserer Hilflosigkeit und in unserer Wut wollen wir ... nicht untätig bleiben. Man wolle "mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann."

Die Familien fordern deshalb eine Heraufsetzung der Altersgrenze, ab der Jugendliche in Schützenvereinen an Waffen ausgebildet werden dürfen. Derzeit könnten bereits 14-Jährige mit großkalibrigen Waffen schießen. "Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich." Insgesamt müsse man sich aber fragen, ob der Schießsport nicht gänzlich auf großkalibrige Waffen verzichten könne. Außerdem müsse der Gesetzgeber Verstöße gegen das Waffenrecht "deutlicher und stärker ahnden", heißt es in dem Brief.

Reduzieren von Gewalt im TV

Von den Fernsehsendern müsse verlangt werden, dass "die Zurschaustellung von Gewalt reduziert wird". Durch die Einführung einer "Gewaltquote" müsse der Anteil von Sendungen mit Gewaltdarstellungen in eine verbindliche Relation zur Gesamtsendezeit gestellt werden. Zudem sollten die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche fernsehen, generell gewaltfrei sein.

Auch bei der Berichterstattung über Gewalttaten müsse sich etwas ändern, forderten die Familien. Die umfangreiche Berichterstattung über die Person des Amokläufers führe zu einer "Heroisierung des Täters". Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssten die Medien deshalb dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. "Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten", so die Unterzeichner des offenen Briefes. (APA/red)

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    900 Trauergäste fanden in der Kirche St. Karl Borromäus Platz, darunter die Angehörigen der Opfer sowie Mitschüler.

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