"Lebenslang" dauert mindestens 15 Jahre

20. März 2009, 22:18
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Josef F. soll nach Wien-Mittersteig gebracht werden, wo aber Platzmangel herrscht

St. Pölten / Wien / Warschau - Lebenslang soll Josef F. hinter Gitter, zumindest lautet das bereits rechtskräftige Urteil so. Bedeutet es tatsächlich, dass der bald 74-Jährige bis zu seinem Lebensende in Haft bleibt? Nicht unbedingt.

Nach Auskunft des Justizministeriums gibt es in Österreich derzeit rund 150 Menschen, die eine lebenslange Haftstrafe absitzen. Diese dauert de facto durchschnittlich 20 bis 22 Jahre. Frühestens nach 15 Jahren besteht die Möglichkeit, einen Antrag auf bedingte Entlassung zu stellen. Wird nach dieser ein kleines Delikt (z. B. ein Diebstahl) begangen, sitzt der Verurteilte erneut 15 Jahre, bis er einen neuerlichen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen darf.

Derzeit befindet sich F. noch im St. Pöltner Gefängnis, wo er seit April 2008 inhaftiert ist. Nach Auskunft der Anstaltsleitung wird er derzeit engmaschiger überwacht. Wie an den anderen Prozesstagen hatte F. auch nach dem einstimmig in allen acht Anklagepunkten erfolgten Schuldspruch ein Gespräch mit einem Psychiater.

In vier bis sechs Wochen soll das Urteil gegen F. schriftlich ausgefertigt sein. Dann sollte er in eine Justizanstalt für geistig abnorme, zurechnungsfähige Rechtsbrecher gebracht werden. Zunächst hieß es, dass F. in der Justizanstalt Wien-Mittersteig auf seine Gefährlichkeit und Therapiefähigkeit hin untersucht wird. Auf Basis dieser Begutachtung fällt die Vollzugsdirektion die Entscheidung, in welches Gefängnis F. dann kommt.

In Wien-Mittersteig herrscht allerdings Platzmangel, wie dessen stellvertretender Leiter Peter Prechtl am Freitag der APA mitteilte. F. könnte daher auch nach Graz-Karlau, Garsten oder Stein gebracht werden.

Am 1. Februar 2009 waren in Österreich 406 Personen, die zwar als zurechnungsfähig, aber geistig abnorm eingestuft wurden, im sogenannten Maßnahmenvollzug. Ihr Zustand wird jährlich von einem Psychiater überprüft - was auch bei Josef F. der Fall sein wird. Frühestens im Alter von 88 Jahren kann F. theoretisch einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen. Allerdings nur, wenn ihm ein Psychiater bis dahin bescheinigt, von seiner Persönlichkeitsstörung geheilt zu sein. Wird ein Häftling zum Pflegefall, wird er in der Regel in die Anstalt Wilhelmshöhe verlegt, eine Außenstelle der Justizanstalt Wien-Josefstadt.

Prozess in ähnlichem Fall

Im nordostpolnischen Bialystok hat unterdessen am Freitag der Prozess gegen den 46-jährigen Krzysztof B. begonnen, der als "polnischer Josef F." bezeichnet wird. Der Mann soll seine Tochter sechs Jahre lang gefangengehalten und vergewaltigt haben. Sie brachte zwei Kinder zur Welt. B. sagte Reportern auf dem Weg zur Verhandlung, er sei nicht schuldig. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. (APA, spri/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

 

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