"Señor Pinochet wird nicht einfach gehen"

20. März 2009, 20:52
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Zur gleichen Zeit wie die Osteuropäer versuchten auch die Chilenen, ihre Diktatur loszuwerden.

"C, H, I" buchstabierte in der Menschenmenge jemand laut auf Spanisch, "Elle, E!" Und ein akustischer Orkan brach los, als hätte man gleich mehrere südamerikanische Fußballstadien zusammengelegt: "Chi-chi-chi, le-le-le, wann geht endlich Pinochet?" Wenige Tage nach ihrem Sieg bei der Volksabstimmung vom 5. Oktober 1988 über den Verbleib von General Augusto Pinochet an der Staatsspitze feierten dessen Gegner im O'Higgins-Park von Santiago mit ausgelassener Begeisterung.

Als ich dort ankam, hatten sich bereits zehntausende Fahnen schwingende Menschen vor der improvisierten Bühnen versammelt. Dort spielte ein Pinochet-Imitator gerade eine Szene vor, wo der an den Wahlurnen besiegte Diktator sich vom internationalen Flughafen Santiagos meldet. "Chilenas, Chilenos, ich bin schon auf dem Weg nach Paraguay."

Die demonstrative Begeisterung, mit der sich junge und alte Chilenen in dem weitläufigen Park versammelt hatten, manche mit teuren Polo-Shirts und weißen Jeans bekleidet, andere mit ausgewaschenen Hemden und Arbeitshosen - das war nur ein Teil der Realität. "Dieser Señor Pinochet wird nicht ganz einfach gehen", sagten von mir Angesprochene. Und: "Noch haben wir nicht wirklich gewonnen, Pinochet kann noch immer alles rückgängig machen." Ich arbeitete mich durch die Menschenmenge langsam in Richtung Bühne vor. Eine Gruppe von Frauen in schlichten, dunklen Kleidern betrat das Podium, weiße Stofftaschentücher in der Hand.

Aus den Lautsprechern erklang der Song "They dance alone", den der britische Rocksänger Sting den Ehefrauen, Müttern und Töchtern verschwundener politischer Gefangener in Chile gewidmet hatte. Und genau das waren diese Frauen, die sich da vorne zu Stings Musik, die weißen Taschentücher schwingend, nach der Art des traditionellen chilenischen Tanzes "La Cueca" im Kreis bewegten.

Da war er wieder, der Blick in den Abgrund einer menschenmörderischen Diktatur, die es trotz aller Begeisterung über den Sieg im Referendum in Chile noch immer gab. In den Tagen nach dem Plebiszit hielten sich hartnäckig Gerüchte über den Inhalt des Treffens, zu dem General Pinochet die Chefs aller Waffengattungen spätabends in den Präsidentenpalast La Moneda geholt hatte, während die Auszählung noch lief. Pinochet soll von der regierenden Junta dabei die Vollmacht verlangt haben, das Referendum für ungültig zu erklären.

Die Ungewissheit hielt noch Monate lang an. Erst am 14. Dezember 1989 wurde Patricio Aylwin demokratisch zum Präsidenten Chiles gewählt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

Erhard Stackl, "1989 - Sturz der Diktaturen". € 21,90 / 300 Seiten. Czernin-Verlag, Wien 2009

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