Erste Breschen im Eisernen Vorhang

20. März 2009, 20:50
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Neues Buch von Erhard Stackl über die friedlichen Revolutionen von 1989

Zu Jahresbeginn 1989 lagen die Karten offen auf dem Tisch. Als die Außenminister von 35 Staaten Europas und Nordamerikas zum Abschluss der Helsinki-Nachfolgekonferenz im glanzvollen Rahmen der Wiener Hofburg zusammenkamen, war von Abrüstung die Rede, vom Eisernen Vorhang und von der Berliner Mauer. Die Teilnehmer aus dem Westen spielten die Idee eines Europas ohne Grenzen aus, ihre Kollegen aus dem Osten trumpften mit dem Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten auf.

Wie bei einem Pokerturnier in einer schummrigen Spielhalle war allerdings beim Abschluss der seit 1986 tagenden KSZE-Folgekonferenz nicht klar, wer die nächste Partie gewinnen würde. Einigkeit herrschte nur darüber, dass sich die Welt seit dem Konferenzbeginn enorm geändert hatte. Bestens gelaunt verkündete der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse, dass die 1946 vom britischen Kriegs-Premier Winston Churchill formulierte Metapher ausgedient habe, wonach sich ein "Eiserner Vorhang" zwischen West- und Osteuropa herabgesenkt hätte. Schewardnadse sagte: "Das Wiener Treffen hat den Eisernen Vorhang erschüttert, hat seine rostigen Stäbe geschwächt, hat ihm neue Breschen geschlagen und seine Korrosion beschleunigt. Es hat bewirkt, dass die Flüsse des Kalten Krieges unter dem Druck warmer Ströme eintrocknen. Europa kann es nur begrüßen."

Vorboten der Wende

In Prag gab es im Jänner 1989 auf dem Wenzelsplatz eine Gedenkdemonstration für den Studenten Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die Sowjetokkupation verbrannt hatte. Die gewaltsame Auflösung der Demo erklärte der tschechoslowakische Außenminister in Wien zu einer Angelegenheit der "inneren Ordnung". Und auch in der DDR gab es einen ersten Vorboten kommender Ereignisse: In Leipzig forderten am 15. Jänner rund 150 Demonstranten Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Die unweigerlich folgenden Polizeiübergriffe nahmen westliche Redner in Wien zum Anlass, die Berliner Mauer als "grässlichen Anachronismus" zu bezeichnen.

Oskar Fischer, der damalige Außenminister der DDR, wies Forderungen nach dem Mauerabbau scharf zurück. Sie werde noch in hundert Jahren stehen, sagte er. Doch wir Journalisten, die der Auseinandersetzung folgten, hatten den Eindruck, dass sich der einst wie aus einem Guss wirkende Ostblock in Auflösung befand. Ein Land nach dem anderen schloss sich einem Demokratisierungswettlauf an, wobei die Nachzügler von den vorauslaufenden mitgerissen wurden.

An der Spitze waren wieder einmal die Polen zu finden. Am 6. Februar hatte das erste Großereignis des Jahres 1989 in Warschau Premiere: der "runde Tisch". Regierende und Regierte, Machthaber und Opposition, saßen, zumindest in der Verhandlungssituation gleichberechtigt, an einem Tisch. Den einen ging es darum, möglichst viel Macht möglichst lange zu erhalten und das Volk zu beruhigen. Dessen zunächst bloß selbsternannte Vertreter hatten ein klares Ziel: freie Wahlen.

Als ich Ende März nach Warschau fuhr, um über die Entwicklung zu berichten, traf ich zunächst langjährige Dissidenten wie den 62-jährigen Jan Józef Lipski. Er hatte soeben die alte und demokratische "Sozialistische Partei Polens" inoffiziell wiederbelebt. Einige junge Linke, die sich dafür interessierten, liefen ihm gleich wieder davon, als er sich am "runden Tisch" beteiligte. Mit einem Kriegsrechts-General Jaruzelski dürfe man nicht verhandeln, meinten sie. Lipski erklärte mir seine Position: "Die Lage ist so dramatisch, dass man auch mit dem Teufel verhandeln müsste."

Für Auslandskorrespondenten war es auch damals noch üblich, sich von der Staatsagentur Interpress offizielle Gesprächspartner vorschlagen zu lassen. Als mir angeboten wurde, mit einem der Regierungsverhandler zu reden, der als aufgehender Stern der KP galt, empfand ich das gar nicht als lästige Pflicht. Aleksander Kwasniewski, damals 34, war als Minister für Jugend und Sport jüngstes Kabinettsmitglied. Am "runden Tisch" war der "künftige Pluralismus in Polen" sein Spezialgebiet. "Dieser Tage wird ein Vereinsgesetz beschlossen, die unabhängigen Gewerkschaften werden wieder zugelassen. Die Frage neuer politischer Parteien wird demnächst auf der Tagesordnung stehen", sagte mir Kwasniewski, der mich in seinem Ministerium empfing, selbst Tee servierte und fließend Englisch sprach.

Von mir gefragt, warum der "runde Tisch" erst jetzt zustande gekommen sei, sagte er: "Die Perestroika in der Sowjetunion hat zweifellos viele Blockaden aufgehoben." Der östliche Sozialismus könne nun "an die neuen Bedingungen angepasst werden - zu diskutieren bleibt nur der Umfang der Veränderungen." Auf meinen Einwand, dass der Westen weitgehende Reformen erwarte, ehe es für Polen frisches Geld gebe, erwiderte Kwasniewski (der nach der Wende als Sozialdemokrat von 1995 bis 2005 zum Präsidenten Polens gewählt wurde): "Was will man noch? Unseren Austritt aus dem Warschauer Pakt?"

"Ich habe in den 70er-Jahren studiert und das Prinzip des Eisernen Vorhangs nie akzeptiert", versicherte Kwasniewski. "In den Ferien habe ich Deutschland, Österreich und Skandinavien bereist und Freunde von dort empfangen. Wir leben in dem Gefühl, Europabürger zu sein." Ich fragte Kwasniewski, was er davon halte, wenn er mit den "Reformpolitikern" der ungarischen KP verglichen werde. "Diese Bezeichnung ist mir nicht unsympathisch", sagte er.

Ungarns folgenreicher Schritt

In diesen Tagen wurde Polens "runder Tisch" abgeschlossen. Als Novum im Ostblock sahen die Beschlüsse tatsächlich zum Teil freie Wahlen im Juni vor. In den Medien im Westen kam diese Meldung trotzdem nicht besonders groß. Dort gab man der jüngsten Entwicklung in Ungarn breiten Raum, und - damit zusammenhängend - in der DDR. In Budapest hatten radikale Reformer den zögernden Károly Grósz Ende des Jahres 1988 ausgebootet. Der 40-jährige Miklós Németh wurde Premier, sein um sechzehn Jahre älterer Mitstreiter Gyula Horn Außenminister.

Am 2. Mai setzte die Regierung Németh ihren für Osteuropa folgenschwersten Beschluss um: Sie ließ die Grenzsperren am "Eisernen Vorhang" zwischen Ungarn und Österreich abbauen. Willkürliche Aus- und Einreisen sollten zwar weiterhin untersagt bleiben, aber mit der Androhung tödlicher Gewalt gegen illegale Grenzgänger war es von da an vorbei.

Oskar Fischer, der damalige Außenminister der DDR, wies Forderungen nach dem Mauerabbau noch Anfang 1989 scharf zurück. Die Mauer werde noch hundert Jahre stehen, sagte er.  (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

  • Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Sperrenabbau an der Grenze zu Österreich, wo bald tausende DDR-Bürger in den Westen flüchteten.
    foto: newald

    Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Sperrenabbau an der Grenze zu Österreich, wo bald tausende DDR-Bürger in den Westen flüchteten.

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