Einen Versuch wert

20. März 2009, 20:34
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Die iranische Führung ist gefordert, die Frage neu zu bewerten, was den Iran sicherer und was ihn unsicherer macht - von Gudrun Harrer

Mit der üblichen Herablassung begrüßte die iranische Regierung am Freitag den Vorschlag von US-Präsident Barack Obama, das Verhältnis neu zu definieren: Man erwarte Taten, nicht Worte, hieß es in Teheran. Wie wahr! Aber das gilt für beide Seiten - wobei es im iranischen Falle schon ein Fortschritt wäre, wenn sich die Rhetorik wandelte. Wenn Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad seine unsäglichen Drohungen gegen Israel unterließe, würde er selbst am meisten dazu beitragen, dass über den Iran wieder nüchtern geredet werden kann.

In Wahrheit kann die iranische Führung mit der Avance Obamas - und mit ihm selbst, dessen Wahl zum Präsidenten viele Vorurteile gegenüber den Amerikanern ad absurdum führte - ganz schlecht umgehen. Die Obama-Rede richtet sich denn auch direkt an die Iraner und Iranerinnen. Die Zeit ist gut gewählt: Nowruz, das Neujahrsfest, ist eine Zeit für private Zusammenkünfte und Obama heuer der Held der iranischen Picknickwiesen. Nicht aller, aber bestimmt vieler.

Dem hat Ahmadi-Nejad, der sich im Juni Präsidentschaftswahlen stellen muss, wenig entgegenzusetzen. Mit Mohammed Khatami, der seine Kandidatur zurückgezogen hat, ist ihm ein zur eigenen Profilierung geeigneter Lieblingsgegner abhandengekommen. Die Wirtschaft geht schlecht, die soziale Unzufriedenheit steigt. Und plötzlich steht die Führung vor der Frage, ob die Gegnerschaft zur USA ein Bestandteil der angeblichen revolutionären Identität ist, die längst von Anlässen abgehoben existiert. Oder ob sie, was für einen modernen Staat vernünftig wäre, von real existierenden Gründen abhängt und damit reversibel ist.

Aber auch diese quasi pragmatisierte Gegnerschaft ist ja nicht vom Himmel gefallen. Der Minderwertigkeitskomplex der iranischen Führung, das Gefühl, auch dreißig Jahre nach der Revolution nicht als legitim anerkannt zu werden, wurde von Obama indirekt aufgegriffen, als er von der „Islamischen Republik" sprach, der er den ihr zukommenden Platz in der internationalen Gemeinschaft wünschte. Das ist nicht nur ein Abschied vom erklärten Wunsch nach „regime change", sondern eine Anerkennung der politischen und kulturellen Rolle des Iran - dessen Kooperation die USA ihrerseits dringend brauchen, um aus ihren regionalen Abenteuern heil wieder herauszukommen.

Die Initiative Obamas wird auch Kopfschütteln, vor allem in Israel, hervorrufen, aber sie ist einen Versuch wert. Die iranische Führung ist gefordert, die Frage neu zu bewerten, was den Iran sicherer und was ihn unsicherer macht. Ob sie prompt die adäquate Antwort geben kann, ist mehr als fraglich. Vieles, was im Iran heute intern passiert, stimmt äußerst pessimistisch. Wobei die Hoffnung intakt ist, dass die von Obama eingeleitete Beruhigung die paranoiden Zustände des Regimes, die sich auch gegen die eigenen Bürger richten, lindern werden. Denn im Gegensatz zu dem, was Iran-Falken behaupten, ist das eben keine lineare Entwicklung. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

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