Im Land des erhöhten Blutdrucks

20. März 2009, 19:29
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In der Republika Srpska, dem kleineren Landesteil von Bosnien-Herzegowina, wird so getan, als wäre die Serbenrepublik ein unabhängiger Staat

Die Republika Srpska ist der kleinere Landesteil von Bosnien-Herzegowina. Hier wird allerdings so getan, als wäre die Serbenrepublik ein unabhängiger Staat, und auch ein bisschen so, als befände man sich in Serbien.

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"Willkommen in der Republika Srpska" steht auf einer riesigen Tafel am Grenzübergang Gradiska zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Als bosnisches Staatssymbol steht vereinsamt nur eine unscheinbare, zwergenkleine Fahne im hintersten Eck der Grenzstation. "Ist eben Pflicht", sagt ein Zollbeamter lächelnd. "Nicht, dass wir sie hier brauchen."

Bosnien hat zwar eine einheitliche Grenzpolizei und Armee, die meisten Serben identifizieren sich aber nicht mit dem Zentralstaat, der aus der serbischen Entität "Republika Srpska" (RS) und der bosniakisch-kroatischen Föderation besteht. In Sarajevo protestierte man gegen das Willkommensschild an der Grenze. Die Tafel wurde einige Meter weiter in das Territorium der RS verlegt, dorthin, wo die Zentralregierung nichts zu sagen hat.

Auf der kroatischen Seite der Grenze steht ein von Granatsplittern beschädigtes Gebäude, Spuren des vor vierzehn Jahren beendeten Bürgerkriegs. Wenn man von Bosnien spricht, ist in der RS stets von "uns und den anderen" die Rede. Nicht anders ist es in der Föderation. Der tiefe Riss durch die Völker, den der Krieg hinterlassen hat, ist überall zu spüren.

Während man in Sarajevo von der RS als einer "Schöpfung des Völkermords" spricht und ihre im Abkommen von Dayton garantierten Elemente der Eigenstaatlichkeit abschaffen möchte, spricht man in Banja Luka von "den Muslimen, die den Serben und Kroaten ihren islamischen Willen aufdrängen wollen".Versuche, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, enden in der unaufgearbeiteten Kriegsvergangenheit und in Vorwürfen. Medienberichte ähneln den Pamphleten der nationalistischen Politik und tragen zur Spaltung bei.

Bosnien ist ein Land des chronisch erhöhten Blutdrucks, schreiben lokale Zeitungen. In Banja Luka, der Hauptstadt der RS, tragen die Straßen die Namen von "Helden" aus Serbien, überall kann man Zeitungen aus Serbien kaufen, oft kann man auch mit dem serbischen Dinar bezahlen und nicht nur mit der bosnischen konvertiblen Mark. Wenn die serbische Nationalmannschaft spielt, wird sie in der RS angefeuert, wegen bosnischer Fußballer schaltet niemand den Fernseher ein. Außer dem bosnischen Dialekt weist wenig darauf hin, dass man sich in Bosnien befindet. Als man am 1. März in Sarajevo den Tag der Unabhängigkeit feierte, machte man in der RS Witze darüber.

Siebzehn Stockwerke

Die Cafés rund um die Fußgängerzone in Banja Luka sind luxuriös ausgestattet. Das neue administrative Zentrum der RS, das rund 100 Millionen Euro gekostet hat, dominiert das Viertel. Um die modernen Hochhäuser sprudeln Springbrunnen, aus Lautsprechern dringt leise Musik. Die Kapazitäten des Regierungsgebäudes mit seinen siebzehn Stockwerken übertreffen bei weitem die administrativen Notwendigkeiten des Landesteils, sie entsprechen jenen eines unabhängigen Staates. Ebendieser Eindruck soll bei in- und ausländischen Gästen erweckt werden, munkeln die Beamten.

In Sarajevo hat die Ermittlungsbehörde Sipa gegen den Premier der RS, Milorad Dodik, wegen Veruntreuung beim Bau des Regierungskomplexes ermittelt. "Das ist ein Hirngespinst", sagt Pero Simiæ, der Berater Dodiks, zum Standard. Dodik sei der Föderation ein Dorn im Auge, weil er keinen Millimeter von der Staatlichkeit der RS abweicht. Die Ermittlungen sollten nur dem neuen internationalen Bosnien-Beauftragten als Ausrede dienen, Dodik eventuell abzulösen. Für Valentin Inzko wird es also nicht einfach. Die Bosniaken erwarten, dass er von seinen Vollmachten Gebrauch macht und die RS in die Knie zwingt. Dodik droht aber in diesem Fall, alle Serben aus den gesamtbosnischen Institutionen zurückzuziehen. (Andrej Ivanji aus Banja Luka/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

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    Der Präsident der Republika Srpska, Rajko Kuzmanovic, seine Frau Milica und der Premier der RS, Milorad Dodik, beim Seifenblasen.

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