Die Rhetorik der Krise

20. März 2009, 19:00
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Bevor es neue Regeln geben kann, gibt es die Krise. Das Geschehene wird analysiert, das Kommende antizipiert. Und Utopien werden aufgegeben

Bevor es neue Regeln geben kann, gibt es die Krise. Als Phase der Aufhebung gesellschaftlicher Normen, als Katharsis, als Zeit der Fragezeichen. Das Geschehene wird analysiert, das Kommende antizipiert. Und Utopien werden aufgegeben.

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Der Satz ist ebenso naheliegend wie frivol: Krisen stimulieren die Reflexion. Denken beginnt mit einem Fragezeichen. Intelligenz wird herausgefordert, sobald etwas geschieht, was die Herzen verwirrt und die Köpfe überrascht, wenn eine Situation nicht mehr automatisch, mit einer genetisch mehr oder weniger festgelegten Geste bewältigt werden kann, sondern den Schrecken der Zeit, der Ratlosigkeit, spürbar werden lässt. Überlegungen entspringen der Distanz zwischen Ereignissen und Handlungen. Sie entfalten sich aus einer konstitutiven Verzögerung der Taten und Entscheidungen, als elementare Kompetenz, nach hinten und vorn zugleich zu blicken, das Geschehene zu analysieren und zu reflektieren, das Bevorstehende, Herannahende zu antizipieren, die eigenen Optionen abzuwägen und mögliche Strategien in allen Details zu planen. Darauf verweist schon das griechische Substantiv, abgeleitet vom Verbum "trennen", "unterscheiden". Der alte Begriff Krise bezeichnete also nicht die Lage, sondern deren Beurteilung und Entscheidung; er entstammte demselben Wortfeld, dem wir Ausdrücke wie "Kritik", "Kriterium" oder "diskret" verdanken.

Finale Zuspitzung

Erst in medizinischen Kontexten hat der Begriff der Krise allmählich die Bedeutung eines Höhepunkts gewonnen: beispielsweise der finalen Zuspitzung einer Krankheit. Als krisenhaft wird seither eine spezifische Wirklichkeit charakterisiert, nicht ihre Wahrnehmung und Beurteilung, die in Therapien und Krisenmanagement mündet. Krisen avancierten zu Kernelementen objektivierbarer Prozesse und zyklisch wiederkehrender Strukturen, die dem typischen Verlauf von Festen, Reisen, Kriegen oder Ritualen ähnlich sehen. Solche Prozesse beginnen stets mit einer Relativierung oder Aufhebung gesellschaftlicher Normen (Abschied, Trennung, Kriegserklärung), erreichen einen Gipfel (der Reise, des Fiebers, des Ausnahmezustands in Feiern oder Kämpfen), bevor sie zur Erneuerung und Wiedereinsetzung der Regeln führen. "Rites de passage" hat der französische Kulturanthropologe Arnold van Gennep (1873-1957) diese Prozessstrukturen genannt, in denen Krisen stets in eine Katharsis umschlagen: Kranke genesen oder sterben, Kriege enden mit Siegen oder Niederlagen, dem Karneval folgt Aschermittwoch, dem Karfreitag das Osterfest, und die Reisenden kehren nach Hause zurück.

Die Rhetorik der Krise ist eine Rhetorik der Übergangsriten. Und so wird auch die gegenwärtige Krise kommentiert: als Passage, der ein neuer Aufschwung folgen wird, als "Stirb" vor dem nächsten "Werde". Denn auch die Ökonomie lässt sich als zyklischer Prozess beschreiben. Im Horizont solcher Gewissheit bedarf es offenbar keiner neuen Reflexion, sondern lediglich der angemessenen Begleitung von Prozessen, die wie von selbst zur Katharsis - zum mehr oder weniger guten Ende - gelangen werden. Diskutiert werden die Maßnahmen zum Krisenmanagement, das Wann, an dem die Krise ihren Höhepunkt erreichen wird, die Amplitude der Minuskurve bis zur erwarteten Wende ins Plus.

Offen bleibt dagegen die Frage nach der Möglichkeit von krisenhaften Entwicklungen, die eine nicht umkehrbare Richtung einschlagen - und also der Logik der Rites de passage nicht unterworfen werden können. Fossile Energien lassen sich bekanntlich nicht erneuern; manche Katastrophen können nicht einfach wieder "gutgemacht" werden. Welche Krisen brauchen Urteile und Entscheidungen? Die Frage nach einer "negativen" Dialektik, die nicht einfach von These zu Antithese und Synthese huscht, um danach wieder von neuem zu beginnen, war bereits vor rund vierzig Jahren aktuell: just in einer Zeit, die zahlreiche Fortschrittshoffnungen artikulierte - soziale, politische, pädagogische, erotische, technische oder kybernetische Utopien.

Wird schon gutgehen

Heute verhält es sich genau umgekehrt. Die Utopien wurden gründlich widerlegt; dennoch scheinen alle zu glauben, dass es irgendwie gutgehen wird. Inzwischen darf zwar befürchtet werden, dass - nach dem Kommunismus - auch der Kapitalismus sein kurzfristig proklamiertes Charisma eingebüßt hat; doch braucht das Durchwursteln keinen Heiligenschein. Die letzten technischen Utopien produzieren - dem Anschein nach fast automatisch - ihre negativen Gegenbilder: als müssten selbst Mikroutopien durch Katastrophenszenarien sofort korrigiert werden. Die Begeisterung für das Internet wird durch die paranoische Angst vor Kontrolle und geheimen Überwachungsmaßnahmen ausgeglichen; die Faszination für Genforschung findet ihr Äquivalent in den Fantasien über Menschenexperimente und eugenische Züchtungsprojekte.

Die Utopien sind tot; doch an keiner Stelle eröffnet sich ein wirklicher Bewegungsraum des Kritischen, in elementarer Verwandtschaft mit der Krise selbst. Als sich Ernst Bloch, in den Zeiten der galoppierenden Inflation nach 1929, in einem Kaffeehaus über den Preis für einen kleinen Mokka wunderte, soll ihm der Kellner geantwortet haben: "Philosoph sein, Herr Doktor, nicht denken". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.3.2009)

Zur Person

Thomas Macho ist Professor für Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und war dort 2006-2008 Dekan der Philosophischen Fakultät.

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