Das halbe chinesische Glück in Wien

20. März 2009, 18:43
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Der 27-Jährige Xiang Sun lebt bei der Austria seinen Traum. Daheim in Schanghai ist er berühmt. Um aufzufallen, hat sich der Verteidiger auf Vorschlag seines Vaters einen scharfen Schuss zugelegt

Wien - "Ich lade dich zum Essen ein", sagt Xiang Sun, und er freut sich sehr über seine Deutschkenntnisse. Die sieben Wochentage zählt er in der richtigen Reihenfolge auf (von Montag bis Sonntag), gäbe es einen achten, er hätte ihn selbstverständlich intus. Natürlich weiß Xiang Sun, dass man damit nur schwer über die Runden kommt. Der Satz mit der Essenseinladung und den Wochentagen ist insofern problematisch, als er permanent der Gefahr eines Privatkonkurses ausgesetzt ist. Auch das ist Xiang Sun klar, wobei er bei der Austria nicht wirklich schlecht verdient.

"Deutsch ist schwierig für Chinesen", sagt er auf Englisch. Diese Sprache hat er sich in Schanghai selbst beigebracht. "Mein Vater hat gemeint, du musst es lernen, um in der Welt bestehen und kommunizieren zu können."

Der Papa, sagt der 27-jährige Sohn, habe ihm überhaupt viel beigebracht. "Er ist Universitätsprofessor, lehrt Sport. Er hat uns immer dabei unterstützt, den Weg des Fußballprofis zu gehen." Xiang sind eigentlich zwei, er hat einen Zwillingsbruder, der heißt Ji. Addiert man Ji zu Xiang, bedeutet das "glücklich". Die Eltern haben sich bei den Namen offensichtlich etwas gedacht, da könnten sich Menschen wie Toni Polster und Madonna ein Scheibchen abschneiden. Ji ist auch Fußballer, er hat den Sprung nach Europa vorerst verpasst. Zwillinge sind übrigens unterschiedlicher, als der gewöhnliche Forscher denkt. Xiang: "Ich spiele linker Verteidiger, er rechter. Ich mache alles mit der linken Hand, er mit der rechten Hand."

Sun bedient nur wenige Klischees. Er isst zum Beispiel keinen Hund süßsauer. Versichert er ungefragt, weil so etwas spricht man maximal im letzten Stadium der Demenz an. "Nur ganz wenige Chinesen essen in manchen Gegenden Hunde." Seine Kollegen von der Austria wollten das aber schon genauer wissen, damals im Juni 2008, als er verpflichtet wurde. Natürlich haben sie das spaßig gemeint. Glaubt Xiang Sun.

In Europa kicken nur drei weitere Chinesen professionell, zwei in der zweiten englischen Liga, Shao stürmt in Deutschland für Energie Cottbus. "Wir telefonieren regelmäßig." Sun, der 2006 ein paar Monate dem PSV Eindhoven diente, räumt mit der Mär auf, dass die Regierung Auslandtransfers ablehne. "Im Gegenteil. Die Nachfrage ist leider äußerst gering. Die Sprache ist eine Hürde, die europäischen Klubs wollen das nicht riskieren." Sun sagt, dass es auch "andere Grenzen gibt. Wir sind kleiner, haben weniger Muskelmasse. Mir wurde in China beigebracht, den Ball möglichst rasch abzuspielen. In Europa ist alles körperbetonter, da muss man dribbeln können."

Salzburg ist fällig

Papa Sun hat den Zwillingen einen weiteren Rat mitgegeben. "Du musst dir eine Eigenschaft zulegen, mit der du auffällst." Also hat Xiang beschlossen, "einen harten Schuss zu bekommen. Schon als Bub habe ich die Schusskraft intensiv trainiert."

Die Austria profitiert mittlerweile vom chinesischen Hammer. Die beiden Freistoßtore aus großer Distanz gegen Sturm Graz füllten die Spalten in den Zeitungen. In den chinesischen. "Daheim bin ich berühmt", sagt der 40fache Teamspieler, der Maradona bewundert, und der Manchester United und Barcelona für die besten Klubs hält. "Dafür bin ich zu schwach, mir reicht zur Erfüllung meines Traums die Austria." Im Sommer endet der Vertrag, Sun möchte bleiben. "Am liebsten noch drei Jahre, um dann in Schanghai bei meinem Stammverein Shenhua meine Erfahrungen weiterzugeben."

Am Sonntag steigt in Wien der Schlager gegen Salzburg. Xiang Sun hofft, no na, auf einen Sieg. "Dann lade ich dich zum Essen ein." Am Montag. Am Dienstag ... (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21.3. 2009)

 

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    Xiang Sun misst fast 1,80 Meter und ist glücklich bei der Wiener Austria. "Es geht mir gut, ich habe kein Heimweh."

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