"Man gewöhnt sich auch an weniger Einkommen"

20. März 2009, 18:34
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Wie wirkt sich die Krise auf unsere Lebenszufriedenheit aus? Ein Gespräch mit dem Schweizer Ökonomen und Glücksforscher Bruno S. Frey

Wien/Zürich - Gemeinsam auf dem ersten Platz liegen die Schweiz und Dänemark. Bronze teilen sich Island und Österreich, danach rangieren die Bahamas, Schweden und Finnland ex aequo an fünfter Stelle. In diesen Ländern war man laut den jüngsten Daten des Global Happiness Index aus dem Jahr 2006 subjektiv am glücklichsten. Ganz am Ende der Rangliste gemeinsam auf Platz 176: Kongo, Simbabwe und Burundi.

Diese und ähnliche Untersuchungen zeigen jedes Mal aufs Neue: Glück und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben hängen mit der Gesundheit, der Bildung und nicht zuletzt mit dem Wohlstand zusammen. Deshalb ist für Bruno S. Frey, Ökonom und Glücksforscher an der Universität Zürich, klar, dass sich die Lebenszufriedenheit in den letzten Monaten international stark verschlechtert hat - auch wenn es dazu noch keine aktuellen empirischen Daten gibt.

"Die Finanzkrise und die Auswirkungen auf die Realwirtschaft kamen für alle Leute wie ein Schock", so der 67-jährige Professor, der mehrere Bücher über die Zusammenhänge von Glück und Ökonomie verfasst hat. "Und so ein Schock führt immer dazu, dass die Leute weniger glücklich sind - zumindest vorübergehend."

Mildernde Mechanismen

Zum Glück gebe es nämlich zwei Mechanismen, die abmildernd wirken: Zum einen hätten empirische Studien gezeigt, dass man sich auch an weniger Einkommen gewöhne - wenn auch nicht ganz so schnell wie an eine Gehaltserhöhung. Zum anderen sei man nicht ganz so unglücklich, wenn es allen anderen auch schlechter geht.

Frey hat auch einige praktische Tipps parat, was man in der Krise aktiv zum eigenen Wohlbefinden beitragen kann: zum Beispiel, sich nicht nur "nach oben hin" zu vergleichen, sondern eher mit jenen, denen es jetzt noch viel schlechter geht. Noch wichtiger aber sei es, das mögliche Mehr an Freizeit gut zu nützen: "Wenn man sie gezielt mit Freunden und der Familie verbringt, kann man daraus viel Befriedigung ziehen."

Der Ökonom beobachtet in der Krise, dass nichtmaterielle Aspekte noch wichtiger werden, als sie es jetzt schon sind. "Die jungen Leute verbringen ihre Freizeit ja jetzt schon mehr mit Kommunizieren als mit Konsumieren." Sehr viel wichtiger als das Geld sei nach allen empirischen Studien jedenfalls die Arbeit an sich: "Wer vorher beschäftigt war und arbeitslos wird, ist sehr unglücklich und gewöhnt sich - ganz im Gegensatz zu einem geringeren Einkommen - nicht daran."

Das haben bereits vor mehr als 75 Jahren österreichische Sozialforscher um Marie Jahoda in ihrer klassischen Studie Die Arbeitslosen von Marienthal gezeigt. Eigene Untersuchungen hätten das bestätigt, so Frey, "obwohl die materielle Absicherung für Arbeitslose ja heute viel besser als früher." Seine Schlussfolgerung: "Arbeit ist ein zentraler Wert in unserer Gesellschaft, und wenn man die nicht hat, dann fühlt man sich wertlos."

Keine staatliche Glückspolitik

Ganz grundsätzlich ist der liberale Ökonom davon überzeugt, dass auch in Krisenzeiten der Einzelne seines Glückes Schmied ist und nicht etwa der Staat: "Der soll aktiv sein, damit die Arbeitslosigkeit nicht explodiert." Entsprechend ist Frey auch gegen neue Versuche, Glücks-Unterricht in den Schulen anzubieten: "Man kann schon Tipps geben, wie man glücklich wird. Aber Glück als Schulfach, womöglich mit Prüfungen, halte ich für wenig sinnvoll." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22. 3. 2009)

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    foto: uni zürich
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