Bye-bye Suburbia: Apartment statt Vorstadtidylle

20. März 2009, 18:27
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Die Wirtschaftskrise könnte in den USA zu einem Aufleben der Innenstädte führen, sagen namhafte Stadtsoziologen

Amerikaner debattieren plötzlich darüber, wie viel Platz der Mensch zum Leben eigentlich braucht.

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Los Angeles / Little Rock - Die elendslange Rolltreppe am Civic Center führt direkt aus der Metrostation in die südkalifornische Sonne. Zwei Blocks weiter funkelt die Walt Disney Concert Hall in hellem Licht. Seit fünf Jahren ist das von Frank Gehry gezeichnete Konzerthaus geöffnet. Und seither ist es quasi das Symbol der Wiederauferstehung von Downtown L.A.

Noch vor 20 Jahren war die Gegend ein besserer Slum, verseucht von Drogen und Gang-Gewalt. Heute entsteht dort ein glitzernder Wolkenkratzer nach dem anderen. Propere Bürogebäude, sogenannte Residential Towers, Einkaufsmeilen - allesamt für stressgeplagte Angelenos, die keine Lust mehr haben, sich täglich stundenlang auf zehnspurigen Stadtautobahnen bis in ihre Vororthäuser im San Fernando Valley zu stauen.

Rückkehr

Downtown L.A. ist Amerika. Überall finden sich Beispiele dafür, dass die Menschen wieder aus Suburbia zurückkehren. Seit Jahren beobachten Städteforscher eine Wiederbelebung der Innenstädte. Geschuldet war diese Entwicklung steigenden Energiekosten, die Pendler vor langen Autofahrten zurückschrecken ließen und neuen Lebenskonzepten, in denen ein Leben im Zentrum wieder trendiger erschien als das Häuschen in Grünen. Ausgerechnet die Finanzkrise werde diesen Trend beschleunigen, erklärt Michael Storper, von der London School of Economics im Standard-Gespräch.

Zunächst, weil all jene, die ihre Immobilie auch als Wertinvestition sehen in den kommenden Jahren wenig Interesse an den Suburbs haben dürften. Der Verfall der Immobilienpreise habe sich in den USA vor allem in den Suburbs bemerkbar gemacht, die Preise in Downtown seien stabiler.

Auch das Platzen der Kreditblase habe die Städte nicht gleichmäßig getroffen. Die meisten der rund drei Millionen Häuser, die in den USA seit Beginn der Krise leerstehen, weil die Kreditraten nicht mehr bezahlt werden konnten, finden sich in den Vorstädten, sagt Storper, der zur Zeit an der University of California unterrichtet. Los Angeles sei ebenso betroffen wie Houston und Phoenix. Storper: "Diese Vorstadtflucht könnte die Investitionsdynamik verändern. Wenn sich der Abschwung verlangsamt und wieder Geld fließt, könnten die Zentren interessanter wirken".

Ein Beispiel inmitten der Krise ist dafür Little Rock, die Hauptstadt des südlichen Bundesstaates Arkansas. In der verschlafenen Innenstadt wurde 2004 das gigantische William J. Clinton Presidential Center, ein Museum zu Ehren des vorletzten US-Präsidenten, errichtet. 1,5 Milliarden Dollar an Folgeinvestitionen hat das Gebäude bereits angezogen. Die Downtown-Ära gilt noch immer als zukunftsträchtig.

Zweifel an Dogmen

Sofern die Innenstädte aber profitieren, werde dies durch einen Umdenkprozess und nicht durch Großprojekte geschehen, sagt Storper. "Ich erlebe in den USA erstmals, dass darüber diskutiert wird, wie viel Platz ein Mensch zum Leben überhaupt braucht". Das jahrelange Dogma, je mehr Platz desto besser, werde infrage gestellt.

Den Innenstädten zugute kommen könnte schließlich die "grüne Offensive" beim Hausbau, die im Stimulus-Plan von US-Präsident Barack Obama vorgesehen ist. Acht Milliarden Dollar sollen für die Anschaffung besserer Dämmungen und neuer Fenster zur Verfügung stehen. Energieeffizientes Bauen habe in den USA bisher aber fast ausschließlich in den Zentren stattgefunden.

Jens Dangschat, Stadtsoziologe an der TU Wien, warnt zwar vor übereilten Prognosen, hält dass von Storper skizzierte Szenario aber für möglich. Profitieren würden seiner Ansicht nach wegen der vergleichsweise hohen Immobilienpreise weniger die Innenstädte, als sogenannte periphere Zentren, in Wien etwa der 11. Bezirk. (Christoph Prantner, András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.3.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Innenstadt von Los Angeles blüht bereits seit Jahren auf.

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