Der Optimist

20. März 2009, 18:25
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Weinen kann ich auch später noch - der Optimist konzentriert sich auf das Wesentliche

These 1: Optimisten und Pessimisten leben gleich lang, statistisch gesehen. Stimmt vermutlich, wenngleich nicht mit letzter Sicherheit zu beweisen.These 2: Aber Optimisten leben lustiger. Kann das stimmen, wo sie doch ständig von der Realität widerlegt werden? Ist nicht der Pessimist der eigentliche Optimist, weil schlimmstenfalls das eintritt, was er erwartet - oft aber doch etwas Besseres?

Damit wäre das Thema Optimismus auf eine Definitionsfrage reduziert und eigentlich jeder Mensch ein Optimist. Zu Recht. Denn die Welt, so düster und grausam sie zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten auch sein mag, bestätigt ihn. Allein durch die Tatsache, dass sie vorhanden ist. Schon dass ich jeden Tag aufstehe, zeigt, dass ich Optimist bin, meinte Nikolaus Harnoncourt auf die Frage, ob er nicht zum Pessimismus neige. Hans Magnus Enzensberger drückte es vor Jahren anders aus, und angesichts der gegenwärtigen Krise mit prophetischer Pikanterie: Solange jemand nicht seine Daueraufträge bei der Bank storniert, soll er mir nicht von Verzweiflung reden.

Gut, wir leben vielleicht nicht in der besten aller möglichen Welten, wie es der Optimismus in seiner philosophischen Urform annimmt. Aber eine andere haben wir nicht. Deshalb ist es wohl eine weise Einrichtung der Natur, dass der Optimismus im Gehirn seine eigenen Reservate hat. Untersuchungen an Versuchspersonen im Magnetresonanztomografen haben gezeigt, dass bei positiven Projektionen in die Zukunft nur noch zwei kleine Hirnzonen aktiviert bleiben. Pessimistische Deutung: Ausblendung des Verstandes. Optimistische Version: Konzentration auf das Wesentliche.

Den Optimisten gibt es freilich nicht. Es gibt unzählige Spielarten. Etwa jene, deren Vertreter eine nicht einwandfrei vorgefundene Toilette selber säubern. Nicht, weil sie sich davon Beispielswirkung erhoffen (da sind sie zu Recht Pessimisten), sondern schlicht, weil sie sich danach besser fühlen. Genau darauf vertraut der andere Optimist, der vorher am Örtchen war. Berechnender und naiver Optimist ergänzen einander also auf das Effizienteste.

Mut können auch Optimisten nicht kaufen. Aber sie brauchen ihn (siehe Toilette). Optimismus kann man zwar ebenfalls nicht kaufen, aber lernen. Kollegin Birgit D. trägt hin und wieder ein Leiberl mit der Aufschrift: "Ich geh auch mit Depressionen aus. Dann wein ich halt später." (© violettsays) Das ist natürlich als Botschaft einer praktizierenden Optimistin an die andere Seite gedacht. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

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