"Wertberichtigung unseres Systems"

20. März 2009, 18:06
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Zukunftsforscher Andreas Reiter sieht den Zeitpunkt für Reflexion, Relativierung der Hybris und Renaissance der Innovation für gekommen

Zukunftsforscher Andreas Reiter sieht den Zeitpunkt für Reflexion, Relativierung der Hybris und Renaissance der Innovation für gekommen. Wie strategische Konsumenten agieren werden, erklärte er Renate Graber.

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STANDARD: Sie sprechen im Konnex mit staatlichen Notpaketen von der "neuen Frechheit" . Warum?

Reiter: Die Frechheit sehe ich etwa darin, dass sich Banken den Osten als Cashcow gehalten haben, in Wahrheit wurde aber das Risiko zu einseitig gestreut - und nun wird dieses Risiko auf die Steuerzahler abgewälzt. In der Autoindustrie war es ähnlich: Da wurden in den USA Riesenautos produziert, dabei waren aus ökologischen Gründen längst Kleinwägen angesagt. Erst jetzt reagiert die Industrie: Die Krise hat den entscheidenden Paradigmenwechsel eingeleitet.

STANDARD: Ist das bei der Diskussion zum Bankgeheimnis ähnlich?

Reiter: Ja, die passt genau zu diesem Zeitpunkt, auch da findet ein Paradigmenwechsel statt. Der Staat muss transparenter werden; und das ist in vielen Bereichen so. Durch die Krise kommt es zur Renaissance von lokalen, traditionellen Werten; Sparkassen werden beispielsweise wieder wichtiger als Lehman Brothers.

STANDARD: Wird auch das Managen erneuert und auf traditionelle Werte zurückgeführt?

Reiter: Jedenfalls nimmt die Transparenz unserer Netzwerkgesellschaft nach allen Seiten zu. Corporate Social Responsibility etwa, bisher meist als Marketinginstrument genützt, wird nun auch von Konsumenten und Öffentlichkeit verlangt. Dem kommen die Verantwortlichen nach, nicht freiwillig, aber sie tun es.

STANDARD: Wie wirkt sich das auf die Führungsqualitäten aus, werden Manager selbstkritischer?

Reiter: Schon. Natürlich sehen jetzt Manager, die sich beim Staat um Geld anstellen müssen, dass sie Teil des Ganzen sind, dass nicht nur sie steuern, sondern dass sie auch gesteuert werden. Die Eliten müssen sich ins neue Regelwerk, einpassen, ins Kollektiv einordnen. Im letzten Jahrzehnt war Politik ja nur noch ein Türöffner für die Wirtschaft, jetzt hat sich das Rollengefüge verschoben. Der Moment für Reflexion, für analytische Prozesse ist gekommen, für die Frage: Was habe ich beigetragen, wie kann ich's besser machen? Die Krise bringt also eine Relativierung der allgemeinen Hybris mit sich: ein wichtiger Erziehungsprozess.

STANDARD: Können die gleichen Manager weitertun, bedarf es neuer?

Reiter: Es braucht die bisherigen Manager, die delegieren können und neue Schwerpunkte setzen und eine neue Managergeneration.

STANDARD: Konsumenten und Anleger werden auch umdenken?

Reiter: So platt es klingen mag: Die Konsumenten werden strategisch konsumieren. Sie werden Produkte kaufen, mit denen sie die Welt verbessern können, bildlich gesprochen: Bionade statt Champagner trinken.

STANDARD: Viele werden sich die "guten" Produkte nicht leisten können.

Reiter: Es ist Aufgabe der Wirtschaft, die leistbar zu machen. Bioprodukte bekommen sie auch längst beim Diskonter, und in zehn Jahren werden Elektroautos leistbar sein. Wobei es weniger um den Preis geht als um die Werthaltigkeit. Die Leute werden weniger kaufen, aber wert- und nachhaltige Produkte. Es findet eine Wertberichtigung unseres Systems statt, man wird sich auf die Kernwerte konzentrieren.

STANDARD: Die da wären?

Reiter: Soziale, ökologische, ökonomische Nachhaltigkeit. Transparenz von Unternehmensdaten, von Kommunikation. Kreativität. Jetzt ist das Zeitalter der Renaissance von kreativen Kräften und Innovation angebrochen. Was vor der Krise Nischen waren, wird jetzt zum Mainstream. (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

Zur Person

Soziologe Andreas Reiter (52) ist Trendforscher und führt das ZTB Zukunftsbüro in Wien.

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    foto: andy urban
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