Wo Konsum Balsam für die Seele ist

20. März 2009, 17:57
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Klaus Darbo verkauft mehr Marmelade, Würstelstände grillen Krisensnacks, der Handel mit Tresoren und Islandpferden lebt auf: Nischenmärkte florieren

 Wien - Klaus Darbo schlägt die Krise nicht auf den Magen. Seit Jänner hat er um neun Prozent mehr Marmeladen verkauft, erzählt er. Es sei schon etwas dran an der Theorie, dass in schlechten Zeiten mehr Süßes gegessen werde. Auch die Chocolatiers und Puddingerzeuger bestätigen derzeit gerne einen wachsenden Gusto auf Naschereien. Sie seien eben Balsam für die Seele.

Neben der Schokoladenseite der Krise habe das saftige Konfitürengeschäft aber auch profanere Ursachen, ergänzt Österreichs größter Marmeladenhersteller. Wegen der mageren Ernten bei Obst und Beeren hätten etliche Hausfrauen im Vorjahr schlicht wenig eingekocht. Das zeige der Einbruch beim Verkauf von Gelierzucker um gut zehn Prozent. Gehen eigene Vorräte zur Neige, springe eben Darbo ein.

Die Wirtschaftsflaute hat in der Lebensmittelbranche bisher kaum umgerührt. Konsumenten greifen vermehrt zu billigen Marken und ziehen Diskonter den Supermärkten vor. Doch auf ihre liebgewordenen Essgewohnheiten verzichten die wenigsten, sind sich Handel und Industrie einig.
Vera Tondl führt Wiens ältesten Würstelstand, seit 80 Jahren verkauft ihre Familie "Haße mit Senf". Der schnelle Snack sei auf dem Vormarsch, von Konjunkturturbulenzen spüre sie nichts, versichert Tondl. Drei Monate mieses Wetter belaste ihren Stand "Leo" am Währinger Gürtel da schon mehr.

Grillteller als Krisenkiller

Dass es die Leute nun scharenweise aus teuren Restaurants zu ihrem Standl treibe, sei freilich Unsinn. "Will einer schön essen, was tut er dann bei Würstelbuden?" Eine Krainer als Abschluss eines Fünfsternemenüs sei aber immer drinnen. Sicherheitshalber betreibt die resche Wienerin aktives Krisenmanagement. Ihre Käsekrainer hat sie um 30 Cent vergünstigt, ihre Grillplatte als "Krisenkiller" tituliert.

Marktforscher Andreas Kreutzer bescheinigt ihrer Branche ein jährliches Wachstum von mehr als einem Prozent. Der Rückzug traditioneller Würstelstände durch die Expansion des Döners sei gestoppt. Es zeichne sich nunmehr eine friedliche Koexistenz von Würstel, Kebab und Pizzaschnitte ab.

Dass sich die Österreicher auch an anderen schönen Dingen des Lebens nicht die Lust nehmen lassen, weiß Ingrid Mack. Sie hat vor 15 Jahren Wiens erste Kondomerie eröffnet und ist damit nach wie vor bundesweit allein auf weiter Flur. Ihr Geschäft laufe gut wie eh und je, sagt sie. Wer bei Mode und beim Ausgehen spare, mache es sich daheim gemütlich - und verhüte kostengünstig. Nur die Welt der Aktien hat ihrem Franchisegeber Condomi die Stimmung verdorben. Der Börsengang ging in die Hose.

Vom höheren Bedürfnis nach Sicherheit profitiert derzeit auch eine andere Branche. Der Tresorhersteller Wertheim etwa. Der Wiener Traditionsbetrieb, einst k. u. k Hoflieferant, fertigt für Banken, Bankomathersteller und Private Tresore, Safes wie Sicherheitstüren. Das öffentlichkeitsscheue Unternehmen setzt rund 70 Mio. Euro um, 200 der 700 Mitarbeiter arbeiten in Österreich. "Wir erzielen schon seit Jahren schöne Zuwächse, diese Entwicklung reißt nicht ab", sagt Firmenchef Oswald Koller. Er stellt am Standort Wienerberg heuer zusätzliche Mitarbeiter ein. 

Geschäft mit der Security

Auch Harald Neumann, Chef der Group 4 Securior, sieht die Sicherheitsbranche wachsen. Dass Kunden wie die Autoindustrie derzeit sparen, liege auf der Hand. Langfristig zählten Securitydienstleister aber zu den Gewinnern.

Gut unterwegs kann man derzeit auch in Nischen sein. Mit dem Import von Islandpferden etwa. Der Währungsverfall auf der Insel zieht Freizeitreiter an, solide Rösser seien um 15 Prozent günstiger zu haben, erzählt der steirische Züchter Piet Hoyos. Allein die echten "Kracher" blieben ein teurer Spaß. Die Gewinne für die Isländer selbst gelten in beiden Fällen als hoch.

Nicht zu erschüttern in seinem Optimismus bleibt Robert Hartlauer. Selbst bei höherer Arbeitslosigkeit gebe es immer noch 4,5 Mio. kauffreudige Pensionisten und Jugendliche, sagt der Fotolöwe. "Die Leute kaufen genau so wie früher", ist Regioplan-Chef Wolfgang Richter überzeugt. Von Niedergang, gar Katastrophe zu reden, sei Unsinn. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)

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