"Rating-Agenturen zurückdrängen"

20. März 2009, 17:36
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Die Ökonomin Helene Schuberth fordert im STANDARD-Interview, alle Länder bei den Verhandlungen zu einer Finanzmarktregulierung einzubeziehen

Da von der Finanzkrise alle betroffen sind, gehören auch alle Länder bei den Verhandlungen zu einer Finanzmarktregulierung einbezogen, fordert die Ökonomin Helene Schuberth im Gespräch mit Johanna Ruzicka.

STANDARD: Sehen Sie irgendeine Art von Chance, die in der Finanzmarktkrise liegt?

Schuberth: Die Finanzkrise als Chance zu betrachten wird von manchen als zynisch gesehen. Die Arbeitslosenzahlen steigen rapide; in den armen Ländern sind viel mehr Menschen vom Hunger bedroht als davor. Angesichts der Banken- und Konjunktur-Rettungspakekte kommt es zu einem Verteilungskampf um knappe Mittel. Eine Chance, die ich sehe, ist, dass nun Dinge angesprochen werden, die früher tabu waren. Aber ich muss hier vorausschicken, dass ich hier persönlich spreche und nicht die Meinung der OeNB wiedergebe.

STANDARD: Jetzt wird auch die Mainstream-Ökonomie, dass der Markt alles regelt, hinterfragt.

Schuberth: Na ja, heute sind alle zum Keynesianismus konvertiert. Das hat aber nichts mit Läuterung zu tun. Und tief geht die Diskussion nicht. Man öffnet sich dem Staat aus der Not heraus. Nach überstandener Krise soll er sich zurückziehen. Alternativen werden da noch immer ausgeblendet.

STANDARD: Wo muss man bei den Finanzmärkten ansetzen?

Schuberth: Das, was wir derzeit erleben, ist eine systemische Krise. Sie hat ökonomische, politische und sozioökonomische Ursachen. Zu glauben, man könne eine Katastrophe wie diese in Zukunft verhindern, indem man an ein paar Regulierungsschrauben dreht, wie das derzeit im Rahmen des G20-Prozesses versucht wird, ist kurzsichtig. Da muss es um ein Maßnahmenpaket von sicher hundert Punkten gehen. Beispiele: Regeln für die Rating-Agenturen, Auflösung von Offshore-Plätzen, Reformen der Aufsichtsbehörden, Einführung von Finanztransaktionssteuern etc.

STANDARD: Aber wer sollte denn eine Reform der Finanzmärkte durchführen, wenn nicht die G20, die wichtigsten Wirtschaftsmächte?

Schuberth: Die globale Wirtschaft braucht eine globale Finanzarchitektur. Die G20 dafür heranzuziehen ist ein großer Fortschritt gegenüber der Untätigkeit von zuvor, aber trotzdem zu wenig. Es gehören alle Länder an den Tisch, weil auch alle betroffen sind. Ich hätte lieber gesehen, wenn eine Neugestaltung der Finanzmärkte im UNO-Format angegangen wäre. Daran hat man im Dezember gedacht, aber da hatte noch Ex-US-Präsident Bush das Sagen, und so war dies nicht durchsetzbar.

STANDARD: Welche Punkte sehen Sie bei einem Umbau des Finanzmarktes als vorrangig an?

Schuberth: Der nahezu monopolistische Einfluss der Rating-Agenturen muss zurückgedrängt werden. Sie haben jahrelang hochriskante Papiere mit den besten Bonitätsnoten ausgezeichnet, und jetzt schlägt die Bewertung ins Gegenteil um. Dass die Banken sich bei der Risikoeinschätzung von Krediten häufig auf Rating-Agenturen verlassen, führte dazu, dass sie Geschäfte tätigen, die sie selbst oft nicht verstehen ...

STANDARD: ... und trotzdem haben sie diese Produkte verkauft.

Schuberth: Deshalb muss auch bei der Verbriefung von Krediten verpflichtend eingeführt werden, dass ein wesentlicher Teil der Kredite in den eigenen Bilanzen verbleiben muss.

STANDARD: Vielfach hat man den Eindruck, dass genau die Institutionen und Personen, die das Ganze maßgeblich geformt und mitgetragen haben, nun auch bei den Reformen den Ton angeben.

Schuberth: Ja, ein Dilemma. Der Staat hat sich sukzessive aus der Regulierung zurückgezogen. Das Wissen darüber ist in den staatlichen Institutionen vielfach verlorengegangen. Der Prozess der Reform der Regulierung muss demokratischer gestaltet werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.22./3.2009)

Zur Person

Helene Schubert ist in der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) Senior Advisor in der Hauptabteilung Volkswirtschaft. Die Wirtschaftswissenschafterin und Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien war auch wirtschaftspolitische Beraterin von Exkanzler Alfred Gusenbauer.

  • An ein paar Regulierungsschrauben zu drehen ist zu wenig, ist
Nationalbank-Expertin Helene Schuberth überzeugt. Anstatt
Rating-Agenturen blind zu vertrauen, muss der Staat Regeln setzen.
    foto: standard/hendrich

    An ein paar Regulierungsschrauben zu drehen ist zu wenig, ist Nationalbank-Expertin Helene Schuberth überzeugt. Anstatt Rating-Agenturen blind zu vertrauen, muss der Staat Regeln setzen.

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