Geliebtes, dummes, schönes Wien

20. März 2009, 17:17
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Hermann Bahrs böser, ätzender Wien-Text ist heute fast vergessen und jetzt im Czernin-Verlag neu aufgelegt worden

Welcher kulturanthropologische Essay ist aktueller, jener von 2008 oder der von 1907? Die "philosophische" (Steinfest) Gebrauchsanweisung für Österreich des Krimiautors Heinrich Steinfest? Oder der böse, ätzende Wien-Text Hermann Bahrs (1867-1934)? Bahr, der sich rege in allen Genres tummelte und in allen modernen Strömungen der Literatur, Naturalismus und Symbolismus, Secession, Expressionismus oder Heimatkunst, mitschwamm, ist heute fast vergessen. 1907 brachte er seine Streitschrift über Wien und die Verwienerung Österreichs heraus, die nun neu aufgelegt wurde. Merkwürdigerweise nachwortlos und mit asketischen Angaben zu Bahr und seinen Wandlungen als Autor, Theaterkritiker, Essayist.

Der Linzer, der in Salzburg maturierte und als Student nach Wien kam, war in jungen Jahren deutschnational, später Sozialist und nach 1918 Monarchist. Wie kurios. Denn in Wien ist sein Lieblingshassobjekt das regierende Geschlecht der Habsburger. In vielen Partien ist sein aphorismengespicktes Pamphlet antiquiert, dann wieder ungemein treffend. Etwa wenn Bahr meint: "Der Wiener ist ein mit sich sehr unglücklicher Mensch, der den Wiener hasst, aber ohne den Wiener nicht leben kann, der sich verachtet, aber über sich gerührt ist, der fortwährend schimpft, aber will, dass man ihn fortwährend lobt, der sich elend, aber eben darin wohl fühlt, der immer klagt, immer droht, aber sich
alles gefallen lässt, nur nicht, dass man ihm hilft - dann wehrt er sich." (Alexander Kluy/DER STANDARD-Printausgabe, 21.3.2009)

Hermann Bahr
"Wien"
€ 15,00, 96 Seiten
Czernin, Wien 2008

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