Vom Systemfeind zum Superstar

20. März 2009, 17:35
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Karl Marx schrieb das wohl berühmteste Buch, das je in deutscher Sprache verfasst wurde: "Das Kapital" erlebt nun, in der Finanzkrise, ein Revival - auch im Web

Lektüre als gegenkulturelles Statement.

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Im Kalten Krieg gehörte Karl Marx - dunkle Augenhöhlen, drahtiger Bart - zum Stammpersonal der antikommunistischen Werbespots und bildete mit Stalin und Lenin die Ahnengalerie des Bösen. Heute, 20 Jahre nach der Implosion des real existierenden Sozialismus, ist Marx zurück auf den Bildschirmen: In einem Werbespot für einen Kleinwagen-Hersteller sitzt er mit Gandhi und Che in einer Seniorenresidenz für Berufsrevolutionäre und sagt: "Es sollte um die Bedürfnisse der Menschen gehen."

Karl Marx wird in der Finanzkrise vom Systemfeind zum Superstar - und Das Kapital zu einem Bestseller. Der Absatz des Buches habe sich, so der Karl Dietz Verlag, zwischen 2005 und 2008 um 500 Prozent gesteigert. 

Personenkult in Warenform. Poster, Bücher, Gipsbüsten und andere Marx-Devotionalien stellte die Theatergruppe Rimini Protokoll für ihr Stück "Das Kapital, erster Band" auf die Bühne - die ökonomische Studie als Theorie-Theater. Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge beschäftigt sich in einem neunstündigen Film mit dem Kapital und bemerkt nun eine "neue Aktualität, die dem Projekt durch die Finanzkrise zugewachsen ist". Auch Sekundärliteratur wie "Karl Marx - das große Lesebuch" oder "Wie das Marxsche Kapital lesen?" boomt.

Nun erlebt die Theorieversorgung der Massen ihr Revival im Web, wo die Lese-Community www.kapital-lesen.de gegründet hat. Die Menschen wenden sich dem berühmtesten Buch zu, dass je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Aber ist das mehr als ein intellektuelles Ritual? "Das Kapital" klingt schließlich wie Das BGB, besser noch, wie "Die Bibel".

Einmal die Woche treffen sich die lokalen Gruppen von kapital-lesen.de in Universitäten, Volkshochschulen und Gemeindezentren. In Arbeitsgruppen ringen die Teilnehmer mit sperrigen Vokabeln und Konzepten wie dem Doppelcharakter der Ware und der "Expropriierung der Expropriierten".

"Positiv ist, dass man sich wieder mit einem zu Unrecht vergessenen politischen Ökonomen beschäftigt" , sagt Hans-Georg Golz von der Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland. Es herrscht Schulatmosphäre. Die Revolution plant in diesem Seminar niemand.Die Seminaristen lernen hippe Begriffe wie Tauschwert oder Warenfetisch und bekommen im Text vermittelt, dass die profitmaximierenden Schritte und Einschnitte meist aufseiten der "lebendigen Arbeitskraft" - bei den Arbeitern und Angestellten - vorgenommen werden; und dass die ganz reale Gefahr besteht, dass verbliebene Sozialsicherungssysteme für den Neustart des Systems geopfert werden.

"Ich lese Das Kapital" ist ein gegenkulturelles Statement, vergleichbar mit dem Tragen eines Che-Guevara-T-Shirts. Nur ist das Durcharbeiten der 3000 Seiten etwas anstrengender als ein Mode-Gag und das Comeback des Kapitals deshalb wohl bald wieder vorbei. Wünschen muss man sich das nicht unbedingt. Einer Gesellschaft, die ihre existenzielle Krise mit Worten wie Heuschrecke, Bad Banks und Toxic Credit verhandelt, deren ökonomischer Diskurs sich auf dem Komplexitätsniveau eines Comics bewegt, kann ein bisschen Begriffssicherheit nur guttun.

Mitunter scheinen Wall-Street-Banker ihren Marx nicht als Kritik, sondern als Gebrauchsanweisung gelesen zu haben. Finanzprodukte wie Aktien, Derivate und Credit Default Swaps sind nach Marx "papierne Duplikate des wirklichen Kapitals", ihr Marktwert sei spekulativ-fiktiv, da er "nicht durch eine wirkliche Einnahme, sondern nur die Erwartung bestimmt ist". Das Spiel mit den real existierenden Fiktionen nannte Marx "die Mutter aller verrückten Formen". Die mehr als 140 Jahre alten Worte geben die aktuelle öffentliche Meinung ganz gut wieder, kein Wunder, dass Karl Marx immer wieder in Talkshows auftaucht. Nicholas Sarkozy ließ sich gar beim Lesen des Buches fotografieren.

Wer Marx aber nur für seine scharfsinnige Analyse lobt und so tut, als handle es sich um einen Wirtschaftswissenschafter, der nur auf die Berufung in den Rat der Wirtschaftsweisen wartet, der negiert dessen revolutionäre Schlussfolgerung, integriert den Widerstand ins System. Sarkozys Foto-Opportunity bei der Marx-Lektüre wäre auch so interpretierbar: Die proletarischen Massen sollen sich nicht mühen, den Umbau der politischen Ökonomie besorgt die Funktionselite selbst. (Tobias Moorstedt, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.03.2009)

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