"Die Gesellschaft weiterentwickeln"

22. März 2009, 16:57
posten

Technischer Verstand gepaart mit Selbstmanagementqualitäten prädestiniert Absolventen für Topjobs

Die Einen können sich glücklich schätzen, die Anderen leiden oft beträchtlich. Oder karriereorientierter formuliert: Wer heute von einer technischen Hochschule abgeht, dürfte sich bei der Jobsuche verhältnismäßig leichter tun als Kollegen technikfremder Studiengänge. Österreichs Wirtschaft fehlen vor allem in industrienahen Technikwissenschaften die notwendigen Fachkräfte. Maschinenbauer, Elektrotechniker oder Informatiker haben, laut Institut für Bildungsforschung, die besten Aussichten auf einen sicheren und gut dotierten Arbeitsplatz.

Aber nicht nur der oft erwähnte Mangel an Technik-Hochschulabsolventen scheint die Suche nach geeignetem Personal schwierig zu gestalten, sondern zuweilen auch der Umstand, dass die Anforderungen des Marktes nicht unbedingt konform mit den Profilen der Absolventen laufen: Einerseits haben zu viele Abgänger am Ende ihres Studiums noch zu ungenaue Vorstellungen von der Arbeit, die sie in einem Unternehmen verrichten können - anderseits suchen Unternehmen oft konzentriert nach Spezialisten.

Sich selbst hinterfragen

Jobs gibt es genug, ein bisschen mehr Orientierung seitens der Berufssuchenden würde nicht schaden. "Wer in die Technik einsteigen will, sollte im Idealfall schon ein oder zwei Jahre vor Ende des Studiums überlegen, in welche Richtung er gehen möchte", sagt Michael Kaiser, Geschäftsführer des TU Career Centers und gibt angehenden Akademikern den Rat sich Fragen wie diese zu stellen: "Sehe ich mich in der Wissenschaft oder eher im praxisnahen Bereich, also in der Industrie?"

Eine Entscheidung zwischen diesen Bereichen hat bereits Folgen, vor allem monetärer Art. Forschungsgeld gibt es meist wenig zu lukrieren und die Perspektive ist auch einseitig. Die Karriereleiter in der Wissenschaft ist starr vorgegeben. "Man fängt als Assistent auf der Universität an und schreibt seine Doktorarbeit. Es gibt dann noch die Möglichkeit sich mit einem Postdoc-Stipendium zu habilitieren, da ist der Selektionsprozess aber sehr hart und kaum jemand schafft das. Die Alternative ist, bei Dritt-Mittelprojekten, etwa EU-Förderprojekten, oder Firmenaufträgen Auftragsforschung zu betreiben. Oder man bewirbt sich in einem der wenigen Forschungszentren", erklärt Kaiser.

Einbahnstraße Wissenschaft

Dass der Zugang zur Karriere in der Wissenschaft zu eingleisig verläuft, wird seit langem kritisiert. Es sollten vielmehr ganz selbstverständlich verschiedene Zugangswege angeboten werden, über die der Einzelne seinen Einstieg finden kann. Im Idealfall müsste es beispielsweise problemlos möglich sein, dass ein (Nachwuchs-)Wissenschafter eine Zeit lang in die Industrie geht und danach Karriere in der Hochschule macht und umgekehrt. Das würde, weil es auch die individuellen Bedürfnisse stärker berücksichtigt, zu einer Steigerung der Attraktivität des Arbeitsplatzes Hochschule beitragen.

Die Chancen für ein diversifiziertes Berufsfeld sind gegeben, Karriereförderung in Theorie und Praxis aber noch die Ausnahme anstatt die Regel. "Mit jeder Ausbildung schlägt man einen Weg ein, der aber nicht irreversibel ist. Der technische Background bringt dem TU-Absolventen ja in vielen Bereichen Vorteile. Die Ausbildung ist nur ein Fundament, von dem man sich weiterentwickelt. Nach einer Ausbildung ist man zuerst einmal Spezialist. Wenn man dann in seinem Bereich gut ist, kann man sich zum Generalisten entwickeln. Ein Maschinenbauer kann beispielsweise zuerst Projektleiter sein und später eine kaufmännische Rolle übernehmen", sagt Daniel Marwan, Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens ePunkt.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Werner Sommer, Assistent von TU-Rektor Peter Skalicky, der sogar noch einen Schritt weiter geht und den Wechsel von der Technikschiene in andere Bereiche wie etwa Marketing beziehungsweise Management "vorprogrammiert" sieht.

Überholte Klischees

Mitarbeiter in der Branche erwartet ein dynamisches Arbeitsumfeld. Die Halbwertszeit etwa bei IT-Wissen beträgt maximal zwei Jahre. Das bedeute, dass sich die Fachkräfte ständig und vor allem intensiv weiterbilden müssen, um am neuesten Stand zu bleiben. Das Anforderungsprofil für Fachkräfte hat sich generell stark gewandelt. Althergebrachte Klischees über Techniker, die kaum soziale Fähigkeiten mitbringen, sind jedenfalls passe. Im Fachbereich Informatik können sich nur mehr wenige echte Programmierexperten mit rein fachlichen Fähigkeiten beruflich behaupten. Und mehr Flexibilität im Beruf bedeutet auch mehr Abwechslung im Arbeitsalltag.

"Bei ePunkt gibt es viele Jobsuchende, die mit einem abgeschlossenen Informatik-Studium in der Personalberatung landen. Das ist mittlerweile auch ein IT-naher Bereich. Da gibt es Menschen, die sich zuerst mit Human Resources auseinandersetzten, dann aber mehr in den systemtechnischen Bereich wandern und umgekehrt".

Mehr innere Motivation als äußere Strahlkraft

Finanziell können sich IT-Fachkräfte, Ingenieure und Werkstofftechniker einiges erwarten. TU-Absolventen erhalten etwa 35.000 Euro Jahressalär beim Berufseinstieg und liegen damit im akademischen Bereich an der Spitze. Zum Vergleich: Neo-Geisteswissenschaftler können mit 25.000, Betriebswirte mit rund 30.000 Euro brutto im Jahr rechnen.
Die Kohle stimmt, auch wenn das Engagement der meisten Techniker im Idealfall ohnehin mehr auf sozialer beziehungsweise gesellschaftlicher als auf finanzieller Motivation beruhen sollte.

Michael Kaiser formuliert das so: "Wenn man eine Ebene höher denkt: Die Innovationskraft einer Gesellschaft, die vor allem durch technischen Fortschritt geprägt ist, sichert den Wohlstand. Das, was wir täglich an Innovation produzieren, wird in vielfältiger Form in der Gesellschaft genutzt, etwa bei Handys oder Autos. In einer Welt, die immer kommunikations-, marketing- und selbstdarstellungsorientierter wird, braucht es Menschen, die nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaft weiterentwickeln." (Florian Vetter, derStandard.at, 22.3.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nach einer technischen Ausbildung ist man zuerst einmal Spezialist, später kann man sich zum Generalisten entwickeln

Share if you care.