Die große Frage nach dem richtigen System

20. März 2009, 17:30
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Wenn Gipfelgespräche und Maßnahmenpakete nicht mehr greifen, gibt es noch eine ungenützte Ressource: die Fantasie

In dem Film "L'an 01" ("Das Jahr 01" ) von Jacques Doillon aus dem Jahr 1973 gibt es eine Szene, die lustig sein könnte, vielfach aber nicht so verstanden werden wird: Ein Paar liegt am Morgen im Bett. Der Wecker läutet, sie drehen sich noch einmal herum, raunzen ein wenig, dann beginnen der Mann und der Frau zu lachen, denn sie müssen gar nicht aufstehen. Sie haben das Wecken nur "gespielt", weil sie sich nicht oft genug klarmachen können, dass es mit der Arbeit vorbei ist.

Denn der Film "L'an 01" malt sich mit komischer Genauigkeit aus, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die den Systemwechsel vollzogen hat: Europa steigt in dieser sozialen Fantasie, die zu den interessantesten Reflexionen auf das Scheitern von 1968 zählt, einfach aus. "On arrête tout", man hört mit allem auf: mit dem Kapitalismus, mit der Produktion, mit dem Erwirtschaften von Mehrwert, mit Zinsen und Schulden, mit Ausbeutung und Konsum, mit Krisen und Schocks. Stattdessen wollen die revolutionären Europäer einfach wieder den Dingen beim Wachsen zusehen.

Paradiesische Alternative

Die paradiesisische Vorstellung, die dahintersteckt, glaubt der Film natürlich selbst nicht. Aber L'an 01 war 1973, unter dem Eindruck der Gegenreaktion in der westlichen Welt und der Kulturrevolution in China, doch bei allem Surrealismus ein überraschend ernsthafter Versuch, das zu denken, was angesichts der aktuellen Weltkrise des kapitalistischen Systems doch eigentlich wieder auf die Tagesordnung kommen müsste: Wie könnte eine Wirtschafts- und Gemeinschaftsform aussehen, die tatsächlich als Alternative taugt?

Die bittere Ironie der gegenwärtigen Situation ist doch die, dass unter dem Eindruck des staatsfeindlichen Neoliberalismus nun wieder allenthalben der Staat als die Lösung der Probleme begriffen wird, als universale Appellationsinstanz gesehen wird und als das einzige Fass, das es sich leisten kann, ohne Boden zu existieren. Der Staat erlebt ein grandioses Comeback.

Marginale Kritik

Für die vielen Denker und Kulturschaffenden, die in den vergangenen Jahrzehnten über eine Systemalternative nachgedacht haben, die nicht auf den Staatskommunismus realsozialistischer Prägung hinauslaufen sollte, muss das ein ernüchternder Befund sein. Denn all die Theorien des Empire und der Multitude (bei Antonio Negri und Michael Hardt), des antikonsensuellen "Unvernehmens" als der eigentlichen politischen Kategorie (bei Jacques Rancière, dem Vordenker einer erneuerten Polis) oder der "Künstlerkritik" an den herrschenden Verhältnissen bei Luc Boltanski und Eve Chiapello erweisen sich angesichts der aktuellen Krise als so marginal, wie sie sich selber immer schon verstanden haben.

In "L'an 01" wurde immerhin konkret darüber nachgedacht, wie denn eine Arbeit aussehen könnte, die nicht mehr den Interessen des Kapitals untergeordnet wäre: Neben dem Bild des landwirtschaftlichen Wachstums kamen dabei all die Vorstellungen von Selbstverwaltung und von der Arbeit als "Spiel" zum Vorschein, die immer schon zum utopischen Inventar gehört haben, in den Leistungsgesellschaften aber vergessen oder sogar stigmatisiert wurden. Erst in einer akuten Krisensituation wie der Argentiniens in den Jahren nach 2000 bekommen diese Tätigkeiten einen konkreten Sinn: Tauschwirtschaft oder das Weiterarbeiten auf eigene Faust in einer stillgelegten Fabrik sind Formen des Auszugs aus dem System und deuten Möglichkeiten eines Systemwechsels an.

Das argentinische Beispiel

Kein Wunder, dass in zahlreichen Berichten und Dokumentationen in der globalisierungskritischen Linken der vergangenen Jahre das argentinische Beispiel immer wieder bemüht wurde. Die Bewegung Attac nimmt nun in Stellungnahmen vor dem Weltfinanzgipfel immerhin den Begriff Systemwechsel in den Mund, auch wenn unklar bleibt, wie weit eine "globale Kontrolle der Finanzmärkte" schon in die Richtung gehen würde, in die L'an 01 mit der revolutionären Parole "On arrête tout" gewiesen hat. Das schillernde Wechselspiel zwischen kulturellen Formen und konkreten Existenzbedingungen ist der Systemdebatte eingeschrieben und ist zugleich deren Stärke und deren Schwäche: Man muss sich dieses andere Leben (in dem der Wecker nur "zum Spaß" läutet) erst einmal vorstellen können, bevor man dafür kämpft. Die Krise wäre also tatsächlich die Chance der Kunst, der Fiktion, des Kontrafaktischen. Das Material für die richtigen Schlüsse liegt dabei weit verstreut, und man kann selbst an entlegenen Orten interessante Erkenntnisse gewinnen.

Hätte die DDR gewonnen ...

So hat der deutsche Autor Marcus Hammerschmidt 2002 in seinem Kriminalroman PolyPlay die Fantasie durchgespielt, dass nicht die BRD, sondern die DDR den Wettlauf der Systeme (und die "Wende") gewonnen hätte. Das Ergebnis dieser historischen Spekulation erwies sich als eine Planwirtschaft mit privaten Anreizen (und kleinbürgerlicher Kultur), wie sie in China inzwischen praktisch verwirklicht ist. Wenn die Krise der Gegenwart aber nicht einfach durch neue Rohstoff- und Devisensupermächte gelöst werden soll, bedarf es wirklich des Rückgriffs auf eine alte Parole: Die Fantasie an die Macht! (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.03.2009)

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