"Mit Medikamenten allein kommen wir nicht weiter"

20. März 2009, 16:18
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Ergebnisse der dritten EUROASPIRE-Studie liegen vor - Geringer Fortschritte bei der Vorbeugung von Herzerkrankungen - Kurswechsel in Richtung Prävention dringend erforderlich

Münster - Nikotin verursacht Krebs und Herzkreislauf-Erkrankungen - ein Satz, wie ihn viele Patienten von ihren Ärzten zu hören bekommen. Und ein falscher, wie Ulrich Keil klarstellt: "Nikotin ist nur der Stoff der Begierde. Verantwortlich sind einige der anderen 3.800 Inhaltsstoffe von Zigaretten". Dass selbst Fachleuten solche Zusammenhänge oft nicht bekannt sind, sei kennzeichnend für ein Gesundheitssystem, das zu stark auf Medikamente und zu wenig auf Vorbeugung setze, so die Meinung des Mediziners. Bestätigt sieht sich Keil durch die dritte "EUROASPIRE"-Studie, an der der Leiter des Institutes für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster federführend mitgewirkt hat: Deren - zumeist negativen - Ergebnisse sind nun nachzulesen in "The Lancet".

In Prävention investieren

Die britische Publikation hat EUROASPIRE zum Titelthema ihrer aktuellen Ausgabe gemacht. "Es ist sinnlos, einen hochgradig unterversorgten Herzmuskel zu retten, wenn man sich nicht auch um die Gründe der Erkrankung kümmert", zitiert es die Autoren gleich auf dem Umschlag. Auch die daraus abgeleitete Schlussfolgerung nimmt die "Lancet" auf der Titelseite bereits vorweg: "Wir müssen in die Prävention investieren". Diese Empfehlung basiert auf einer Langzeituntersuchung: Schon seit 1995 wird mit den EUROASPIRE-Studien regelmäßig analysiert, ob sich die Prävention im kardiologischen Bereich verbessert und ob sich die Empfehlungen der Europäischen Herzgesellschaft hierzu in der klinischen Praxis niederschlagen.

"EUROASPIRE ist somit eine Art Erfolgskontrolle der Maßnahmen, die in den beteiligten Ländern stattfinden", sagt Ulrich Keil. Er gehört der Lenkungsgruppe des internationalen Forschungsprojektes an. In der dritten, 2007 abgeschlossenen Runde wurden der Gesundheitszustand sowie Lebensweise von Herzpatienten aus acht europäischen Ländern untersucht und verglichen. Das von Keil geleitete Institut übernahm, unterstützt von weiteren Einrichtungen in Münster, erneut den deutschen Part und kooperierte mit Partnern in Tschechien, Finnland, Frankreich, Ungarn, Italien, den Niederlanden und Slovenien. Insgesamt 2.392 Patienten mit Herzerkrankungen nahmen an der Studie teil, darunter 457 aus dem Regierungsbezirk Münster.

Ungesundes Essen hat besonders großes Gewicht

Im Vergleich zu den Vorläuferforschungen konnten Keil und seine Kollegen nur wenige Verbesserungen feststellen. So sank der Anteil von Rauchern unter den Patienten zwar geringfügig, liegt mit rund 20 Prozent angesichts der risikobelasteten Probandengruppe aber weiterhin viel zu hoch. Bei Frauen unter 50 Jahren stieg die Quote sogar. Auch beim erhöhten Blutdruck blieb der erwartete Rückgang aus; sein Anteil stagniert bei rund 60 Prozent der Patienten. Dass der Prozentsatz übergewichtiger Teilnehmer erheblich stieg (von 25 Prozent bei der ersten auf 38 bei der dritten EUROASPIRE-Studie), sich zugleich aber die Zahl der Untersuchten mit erhöhten Cholesterinwerten von 94 auf 46 Prozent mehr als halbierte, ist für Keil kein Widerspruch: "Mit den Statinen verfügt die Medizin heute über hervorragende Medikamente, um den Cholesterinspiegel zu senken. Das löst aber das dahinter stehende Problem der falschen Ernährung nicht."

Auffällig ist, dass bei diesem Risikofaktor vor allem die Deutschen den Durchschnittswert nach oben verschieben. "Zusammen mit den Engländern sind wir auf diesem Gebiet leider die Europameister", so Keil. Dass schlechtes Essen mehr ist als nur eine schlechte Angewohnheit, untermauert er mit Hinweis auf die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus, auch bekannt als "Zuckerkrankheit": Parallel zum Übergewicht stieg deren Quote als direkte Folge von 17 Prozent im Jahr 1995 auf aktuell 28 Prozent - fast eine Verdoppelung.
Gerade weil sich die EUROASPIRE-Studie mit Patienten befasst, die schon eine koronare Herzerkrankung haben, sind die Resultate aus Sicht des Epidemiologen auch von grundsätzlicher Bedeutung: "Wenn wir schon den Vorgewarnten nicht vermitteln können, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern, wem dann?", fragt der Mediziner. Er verweist zudem darauf, dass die Studie aus Kostengründen in Deutschland nur in einer Region stattfand, dem durch eine gute Sozialstruktur und eine Vorliebe für das Radfahren gekennzeichneten Münsterland: "Andernorts wären die Ergebnisse vermutlich noch schlechter ausgefallen."

Fokus auf Lebensstil-Beratung und ambulante Gesundheitsprogramme

Als Konsequenz aus der Langzeituntersuchung empfiehlt Keil einen klaren Kurswechsel der Medizin in Richtung Prävention: "Das Verschreiben von Medikamenten allein reicht nicht. Die Ärzte müssen erkennen, dass auch sie verantwortlich sind für die Änderung des Lebensstils und entsprechend Einfluss nehmen". Notwendig seien zudem ergänzende Beratungsangebote in anderen Bereichen, so für die Ernährung, sowie ambulante Gesundheitsprogramme, wie sie zum Beispiel in Finnland, einem der EUROASPIRE-Teilnehmerländer, schon seit Jahren mit großem Erfolg praktiziert würden. Das alles seien keineswegs neue Vorschläge. "Aber man muss sie eben auch umsetzen", so der Gesundheitswissenschaftler. (red)

 

Abstract im Lancet:

Kornelia Kotseva, David Wood, Guy De Bakker, Dirk de Bacquer, Kalevi Pyörälä, Ulrich Keil: Cardiovascular prevention guidelines in daily practise: a comparison of EUROASPIRE I, I and III surveys in eight European countries. The Lancet, 2009, Volume 373, p. 929-940.

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