Unmöglichkeiten der Liebe

20. März 2009, 17:18
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Das Blau des Südens, der Blues des Nordens: Clemens Bergers Prosa ist sympathisch unaufgeregt und bezaubernd schön

Wer Literatur und Italien zusammen denkt, der denkt zwangsläufig an Goethe, an Heinrich Mann und Florenz, an Thomas Mann und Venedig, an Rom, Josef Winkler und Ingeborg Bachmann, denkt daran, dass der Süden deutschsprachigen Autoren von jeher die bevorzugte Projektionsfläche für allerhand Sehnsüchte gewesen ist.

Und auch wenn die in Rom angesiedelte Erzählung "So warm im Kopf" aus Clemens Bergers jüngstem Sammelband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" mit der klassischen Künstlernovelle vordergründig wenig gemein hat, so schreibt sie doch eine Traditionslinie fort, die motivisch dort anknüpft, wo der Grat zwischen Nabelschau und Eingemachtem ein besonders schmaler ist: das Befragen künstlerischer Existenz(en), der Benennungsversuch einer unbändigen Sehnsucht nach Leben im Allgemeinen und nach Liebe im Besonderen. Bergers Figuren sind in ihrer Zeitlosigkeit überraschend heutig, und mit Grandezza meistert ihr Erfinder, was F. C. Delius in seinem brillanten Rom-Essay moniert: "Alle Leute meinen, Inspirationen flögen in der warmweichen Luft besonders gut, Szenen auf den Straßen brauche man nur abzumalen, ein bisschen Bildung reiche zur Tiefensättigung, und mit etwas ästhetischem Verstand ließen sich schöne Bogen schlagen zwischen altrömischen Säulen und finnischen Handys, zwischen Espressotassen und Schlaglöchern im Asphalt." Das Ich in "So warm im Kopf" tauscht Espressotasse gegen Plastikbecher, raucht zahllose Zigaretten mit der Französin Cherelle, die es maßlos beseelt und manchmal betört, die im Begriffe ist, Philosophie an der Sorbonne zu lehren, deren Steckenpferd Heidegger ist und die Gedichte schreibt, Romane auch.

Es ist also eine riskante, weil allzu bekannte Fährte, die der Autor da legt, und wie immer in der großen Literatur kommt es mehr auf die Bewältigung des schmalen Grates denn auf dessen Beschaffenheit an. Die Patin beim Namen zu nennen ist eine simple wie geniale Immunisierungsstrategie: "Wenn es mir schlecht geht, ist es kalt in meinem Kopf, unter den Schläfen braut sich etwas zusammen, mir stockt der Atem, die Worte klingen nicht nach meiner Stimme, die sich an eine andere, schlechte, verdeckende Sprache verloren hat, an die Gaunersprache, von der Ingeborg Bachmann spricht." Aber noch ist die Paralyse fern, noch wird das Brüchige vom Zauber des Augenblicks hintangehalten, noch ist Rom der Ereignisraum ihres Glücks, und Glück bedeutet ihnen allem voran das Finden einer gemeinsamen Sprache: "Unsere Stimmen verhakten sich ineinander, zwei Sprachen erschufen eine dritte Sprache, Worte im Moment, die von da an mit ihm verbunden waren." 

Am Ende werden sie aus ihrem Sprach- und Rom-Paradies vertrieben, wird jeder in sein eigenes Leben zurückgekehrt sein. Was bleibt, ist die erlangte Gewissheit, dass es eine Dimension von Liebe und Leben jenseits der Alltagserfahrungen gibt. Auf die Existenz dieses "anderen Lebens, anderen Liebens" , auf die Grammatik einer "dritten Sprache" setzen auch die übrigen vier Geschichten in Bergers Erzählband, und alle sind sie bei all ihrer Tragik doch versöhnlich, wenngleich das keine Versöhnlichkeit ist, die mit einem sogenannten guten Ende einherginge. Im Gegenteil: Am Ende ist nichts mehr, wie es einmal war, und doch stellt sich anstatt Beklommenheit das Gefühl ein, dass die Geschichten nur so ausgehen können, wie sie es eben tun, im besten Sinne radikal sind. Wenn es in der Literatur so etwas wie aufwühlende Stimmigkeit gibt, dann hat sie in Clemens Berger ihren Meister gefunden.

Auch wenn der 1979 in Güssing geborene Autor mit seinen Romanen Paul Beers Beweis und Die Wettesser allemal schon mehr als eine Talentprobe abgelegt hat, so erstaunt es doch, mit welcher Souveränität er mit dem Personal und den Themen einer Literatur umgeht, die in letzter Zeit zusehends als Förderpreis-Belletristik gebrandmarkt worden ist.

Bergers Figuren stammen vornehmlich aus dem Künstler- und Akademikermilieu, sind nicht mehr zwanzig und noch nicht fünfzig, sie leben in Wien oder Rom, im Burgenland oder der Bretagne, und er verhilft ihnen zu einem Recht, das ihnen feuilletonistisch hinlänglich abgesprochen worden ist. Das Leiden und Lieben, das Sehnen und Wünschen einer intellektuellen Mittelschicht kann und darf nicht gegen das Prekariats-elend ausgespielt werden. Erst recht nicht, wenn einer so eindringlich und stilsicher, so ad-äquat und unsentimental schreibt und beschreibt wie Clemens Berger. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass Clemens Berger sich alsbald im überschaubaren Ensemle österreichischer AutorInnen der sogenannten jüngeren Generation eta-blieren wird. Zu Recht. Literatur hat (entgegen gegenläufigen Tendenzen) nach wie vor eine Menge mit Sprache zu tun. Es geht beim Sprechen wie beim Schreiben immer auch um Übersetzen, und sei es ein vergleichsweise einfacher Vorgang wie das Übertragen vom Französischen ins Deutsche: "Bildet dich ein, sagte sie, wenn sie sagen wollte: Stell dir vor, nur mit dem Einbilden war sie mindestens genauso nah an der Präzision der Sprache." (Josef Bichler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.03.2009)

Clemens Berger "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" . Erzählungen. € 18,50/180 Seiten. Wallstein Verlag, Göttingen 2009.

  • Schreibt und beschreibt eindringlich, stilsicher und unsentimental: Clemens Berger.
    foto: heribert corn

    Schreibt und beschreibt eindringlich, stilsicher und unsentimental: Clemens Berger.

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