Inventarisierung des Wertewandels

20. März 2009, 17:40
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Stafford Cliff und Gilles de Chabaneixs "Wie wir mit Dingen, die wir lieben, wohnen"

Prophylaktisch sei ein wesentliches Faktum klargestellt: Hier soll nicht dem Neo-Biedermeier das Wort geredet werden. Ganz im Gegenteil. Aber entsprechend der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Situation zeigt sich, dass wir uns im Status ständigen Hinterfragens, inmitten einer Wertediskussion befinden.

In Zeiten angespannter Wirtschaftslage ist Cocooning ein auf der Hand liegendes Phänomen. Aus der monetären Notwendigkeit heraus, weniger Geld zum Verprassen zur Verfügung zu haben, fördert die Krise ein Positivum zutage: das Hinterfragen bestehender Normen und Werte. Ist es wirklich erstrebenswert, nur nach Macht und Mammon zu streben? Selbstreflexion führt zu einer Reduktion auf das Wesentliche. Der Rückzug ins Privatleben ermöglicht auch Besinnung, führt zu einer Renaissance immaterieller, emotionaler Werte wie Familie, Freunde, Gesellschaft. Dem Hedonismus ist aber nicht a priori Adieu zu sagen, er erfährt nur eine Metamorphose. Es gilt, aus dem, was wir haben, Zufriedenheit und Glück zu generieren, ohne aber in selbstzufriedene Saturiertheit und in Stillstand zu verfallen.

Beispiele, das private Refugium ideal zu nutzen, präsentieren Stafford Cliff und der Fotograf Gilles de Chabaneix. Der programmatisch Wie wir mit Dingen, die wir lieben, wohnen betitelte Band illustriert architektonische Kultur jenseits normativer Vorstellungen von Moderne oder Tradition. Nicht alles, was neu ist, muss gut und schön sein. Ebenso wenig alles Alte. Stafford Cliff, selbst Creative Director der Conran Design Group, begreift Wohnen als Spiegel der Gesellschaft. In den Ausformungen des Zusammenlebens werden soziale Positionen sichtbar. Familienkonstrukte, Wohngemeinschaften spiegeln auch soziale Veränderungen wider. Komfort und kontemplative Renovierung zwischen Dekonstruktion und Rekonstruktion. Utilitarismus vs. Design. Anstatt postuliertem Konformismus zu huldigen, ergeben exzentrische, exotische, gesammelte, kunstvolle Trouvaillen Symbiosen des individuellen Geschmacks. In den Räumen bewohnter Refugien wie auch den Freiräumen freier Geister. Inventar als Synonym. Inspiration zu Individualität. (Gregor Auenhammer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.03.2009)

Stafford Cliff, Gilles de Chabaneix, "Wie wir mit Dingen, die wir lieben, wohnen" . € 29,90 / 256 Seiten. Brandstätter Verlag, Wien 2009.

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    foto: der standard
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