Ein weites Feld für Marschall und Marsch

20. März 2009, 16:58
2 Postings

"O Gegend meiner Wahl, o Dörfchen voller Frieden! Glückselig, wer hier lebt in Ruh und abgeschieden."

Als erster Wienerwaldführer gilt das im Jahre 1794 erschienene Buch Spazierfahrten in die Gegenden um Wien, in dem der Pädagoge Franz Gaheis dem empfindsamen Leser mit malerischen Farben die Schönheiten der Gegend nahelegte. Doch bis der Wienerwald tatsächlich eine beliebte Wanderregion wurde, dauerte es, denn der normale Wiener konnte sich einen Ausflug nicht leisten und musste auch am Sonntagvormittag arbeiten.

Nicht einmal, als 1839 die drei Bände Wiens Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise von Adolf Schmidl herauskam - das nicht weniger als 1882 Seiten hatte -, bewirkte das einen Wanderboom, noch 1870 schrieb der Burgschauspieler und Topograf Franz Carl Weidmann in Wiens malerische Umgebungen, der Weg vom Cobenzl auf den Kahlenberg sei ohne Führer leicht zu verfehlen.

Wien-Tokio auf Waldwegen


Mittlerweile beträgt das markierte und beschilderte Netz von Wanderwegen im Wienerwald an die 10.000 Kilometer, und selbst in unmittelbarer Nähe der Bundeshauptstadt Wien gibt es so viele Möglichkeiten, dass wahrscheinlich sämtliche Urlaube und Wochenenden nicht ausreichen, um all diese Routen zu absolvieren. Fad wird's einem im Wienerwald jedenfalls nicht.

Unsere Tour führt über das Hameau, wo Feldmarschall Moritz Graf Lacy (1725-1801) ursprünglich 17 kleine Hütten mit Strohdach errichten ließ, die an ein "Holländerdörfl" errinern wollten und in denen seine Gäste der Natur näherkommen sollten.

Auf einer stand der Spruch:
"O Gegend meiner Wahl,
o Dörfchen voller Frieden!
Glückselig, wer hier lebt
in Ruh und abgeschieden."

Ein Teil des Abstiegs ins Weidlingbachtal führt den Hang des Simonsbergs entlang, auf dessen Gipfelkuppe eine ausgedehnte jungsteinzeitliche Siedlung thront, die man bei Schanzungsarbeiten zu Beginn des Ersten Weltkrieges entdeckte, die aber wissenschaftlich noch immer nicht erforscht ist. Dieser Abstieg ist übrigens steil und rutschig und eignet sich kaum für Halbschuhtouristen.

Die Route: Von der Endstation der Wiener Buslinie 35A geht es durch die Hameaustraße und Keylwerthgasse zur Amerikanischen Schule in der Salmannsdorfer Straße, dort wählt man die blaue Markierung, steigt zum Kamm auf, wechselt nach links auf Rot und kommt zum Hameau. Gelb ist der Abstieg ins Weidlingbachtal markiert. Gehzeit: rund 1¼ Stunden.

Ein Stück die Straße aufwärts, dann zweigt nach rechts die rote und später grüne Markierung zur Windischhütte ab. Gehzeit ab Weidlingbach: 1½ Stunden.

Ein kurzes Stück zurück, dann geht es gelb zum Eichenhain. Dort steht eine 300 Jahre alte Eiche. Es folgt der lange - blau und später grün markierte - Höhenweg über die Hohenauer Wiese zum Haschhof und weiter zum Buchberg, von dem man nach Klosterneuburg absteigt, um mit den Öffis die Rückreise anzutreten. Gehzeit ab der Windischhütte: 2½ Stunden. (Bernd Orfer/DER STANDARD/Printausgabe/21./22.3.2009)

Gesamtgehzeit 5¼ Stunden, Höhendifferenz rund 500 m. Windischhütte (Montag und Dienstag Ruhetage, ausgenommen Feiertage). Freytag & Berndt Wienerwald Atlas, Maßstab 1:50.000.
Den Wienerwald ganz abwandern geht nicht. Das Weidlingbachtal lässt sich immerhin fast umrunden.

  • Der Pädagoge Franz Gaheis legte in seinem Wienerwaldführer dem Leser die Schönheiten der Gegend nahe.
    foto: österreich werbung / diejun

    Der Pädagoge Franz Gaheis legte in seinem Wienerwaldführer dem Leser die Schönheiten der Gegend nahe.

  • Artikelbild
    grafik: standard
    Share if you care.