Ein zweiter Thielemann

20. März 2009, 17:42
4 Postings

Alan Gilbert am Pult der Wiener Symphoniker

Wien - Auch wenn im siebenten Konzert des mit dem Titel "Die Große Symphonie" überschriebenen Musikvereinszyklus kein einziges Werk dieser Gattung gespielt wurde, zählte dieser Abend zweifellos zu den bisher gewichtigsten Musikereignissen dieser Saison. Das war nicht unbedingt vorauszusehen. Ludwig van Beethovens "Corolian"-Ouvertüre, das erste Cellokonzert von Dmitrij Schostakowitsch und Béla Bartóks "Konzert für Orchester" kann heutzutage bald wer spielen, und die Wiener Symphoniker erst recht, vor allem wenn Heinrich Schiff als Solist mit von der Partie ist.

Doch die nicht wenigen festlichen Augenblicke, die alle an diesem Abend präsentierten Wiedergaben zu bieten hatten, gingen auf das Konto der inspirierenden Impulse, die von Alan Gilbert, dem 42jährigen Dirigenten aus New York ausgingen. Mit seinem massiven Körperbau und auch in der teils sensiblen, teils aber beinah herrischen Direktheit seiner Gesten erinnert er von Ferne an Christian Thielemann. Nicht um-sonst bestellte ihn das New York Philharmonic in einem geglückten Handstreich - als ersten gebürtigen New Yorker - ab der kommenden Saison als Nachfolger von Lorin Maazel zu seinem Chefdirigenten.

Doch Gilbert, der an der Staatsoper 2007 schon die "Carmen" dirigierte kann natür-lich auch mit den Symphonikern. Schon bei der einleitenden Beethoven-Ouvertüre merkte man, mit welch unerbittlicher emotionaler und dynamischer Schlüssigkeit dieses Orchester, wird es nur richtig gefordert, Beethovens Notentext zu deuten ver-mag.

Die Balance zwischen dem Willen zur Moderne und der Pflicht zur Volkstümlichkeit, die das erste Cellokonzert von Dmitrij Schostakowitsch zeichnet, wurde in dieser Wiedergabe geradezu bravourös nachvollzogen. Nicht zuletzt deshalb, weil Gilbert durch seine differenzierte Zeichengebung, die Einsätze der einzelnen Gruppen mit unmissverständlicher Treffsicherheit markiert. Leider fiel der im Publikum grassierende Reizhusten nicht in seine Kompetenz, ebenso wenig wie ein losklingelndes Handy, das Heinrich Schiff sogar zu einer kurzen Unterbrechung seiner mit geradezu dämonischer Virtuosität vorgetragenen Solokadenz zwang.

Alle diese Vorzüge kennzeichneten auch die Wiedergabe von Béla Bartóks "Konzert für Orchester" bei dessen, vom Publikum wohl lebhaft akklamierter Wiedergabe, die Spannung allerdings schon ein wenig nachließ. (Peter Vujica, derStandard.at/Kultur, 20.03.3009)

Share if you care.