Schreckgespenst Tuberkulose

22. März 2009, 18:28
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In der westlichen Welt das Mycobakterium tuberculosis selten geworden, ausgerottet ist es nicht

In Österreich überwacht die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) gemeinsam mit der europäischen Dachorganisation EuroTB das Auftreten von Tuberkulosefällen. Im Jahr 2007 wurden österreichweit 891 Fälle gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr ist das Auftreten der gemeinhin auch als Schwindsucht bezeichneten Erkrankung damit konstant geblieben.

Trotzdem, die Angst vor dem Bakterium sitzt tief. Wichtig dabei ist es zu wissen, "dass nur Patienten mit offener Lungentuberkulose tatsächlich auch den Erreger über das Rachensekret übertragen", erklärt Rudolf Rumetshofer, Tuberkulose-Experte im Wiener Otto-Wagner-Spital. Er hat letztes Jahr 134 Patienten mit dieser ansteckenden Form der Tuberkulose behandelt.

Ganz prinzipiell überträgt sich Tuberkulose zwar durch Tröpfcheninfektion, in der Regel sind aber Tröpfchen auf der Haut ungefährlich. "Im Freien ist eine Ansteckung praktisch unmöglich, denn die krankheitsübertragenden Aerosole, die durch Husten, Sprechen und Niesen verbreitet werden, werden schnell durch den Luftzug zerstreut und durch UV-Licht sofort abgetötet", so Rumetshofer. Sorge sei dann gegeben, wenn jemand mit einem ansteckenden Erkrankten Stunden bis Tage in geschlossenen Räumen verbringt. Infektionen bei kurzen Zusammentreffen seien prinzipiell zwar möglich, aber praktisch unwahrscheinlich, und auch das Benutzen von Geschirr, Besteck und Gläsern stellt kein relevantes Risiko dar, sagt der Tuberkuloseexperte und spricht aus Erfahrung.

Massenpanik

So erinnert er sich an einen offenen Tuberkulose-Fall, bei dem ein Patient zuvor ein Konzert besucht hatte. Hunderte Konzertbesucher wurden in der Folge untersucht - bei keinem Einzigen wurde eine Infektion nachgewiesen. Ähnlich der Fall eines erkrankten Lagermitarbeiters in einer Firma mit 120 Mitarbeitern - kein Einziger war angesteckt. Allerdings war in letzterem Fall die Familie betroffen - die beengten Wohnverhältnisse und die langen Kontaktzeiten zu Hause waren günstige Bedingungen für eine Tuberkuloseinfektion.

In jedem Fall werden die Kontaktpersonen von Patienten mit Tuberkulose ausgeforscht und ihr Erkrankungsrisiko bewertet. "Da Tuberkulose bei Menschen mit intaktem Immunsystem langsam voranschreitet, sind Umgebungsuntersuchungen erst sechs bis zwölf Wochen nach einer Exposition sinnvoll und sollten drei Monate später noch einmal wiederholt werden", sagt Rumetshofer Kinder, Personen mit Immunsuppression und Kontaktpersonen mit Beschwerden wie Husten, Auswurf, Atemnot, länger andauerndem Krankheitsgefühl, nächtlichem Schwitzen oder unklarem Gewichtsverlust müssten allerdings sofort zum Arzt.

Denn der Kontakt mit dem Mycobacterium tuberculosis setzt bei Menschen eine Abwehrreaktion in Gang. Bei einem geringen Prozentsatz der gesunden Bevölkerung endet der Konflikt zugunsten der Bakterien und führt über Wochen und Monate zur Erkrankung. "Wir wissen, dass nur etwa zehn Prozent der Infizierten auch tatsächlich erkranken. Das Management von Kontaktpersonen erfordert viel Aufklärungsarbeit durch erfahrene Fachärzte, denn Fehleinschätzungen führen zu Verunsicherung und unnötiger Behandlung", erklärt Rumetshofer. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Menschen mit hoher Erkrankungswahrscheinlichkeit aus dem Umkreis eines Patienten mit offener Tuberkulose identifiziert werden. Die Risikogruppe umfasst Kinder, geschwächte ältere Menschen und Personen mit gestörter Immunabwehr. Dazu zählen HIV-Positive, Diabetiker, Menschen nach Organtransplantationen und Patienten mit chronischen Erkrankungen, die mit sogenannten TNF-alpha-Blockern behandelt werden. Diese Medikamente beeinflussen die Immunabwehr und werden zum Beispiel bei schweren rheumatischen Erkrankungen verabreicht.

Tuberkulose ist medikamentös gut behandelbar. Die Therapie beginnt mit einer intensiven Phase über zumindest zwei Monate, in der drei bis vier Medikamente (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid) gleichzeitig verabreicht werden. Neue Medikamente in der Tuberkulosetherapie sind Antibiotika aus der Gruppe der Fluorcholine.

Therapiekonzept

Ziel ist es, so rasch wie möglich viele Keime abzutöten, die Kombination mehrerer Wirkstoffe verhindert dabei eine Resistenzbildung. In der anschließenden Erhaltungsphase werden über mindestens vier Monate mit zumindest zwei Medikamenten alle im Körper verbliebenen Tuberkulose-Bazillen eliminiert - die gesamte Therapie dauert somit mindestens sechs Monate. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Leberbeschwerden, Gelenks- und Nervenschmerzen und eine völlig ungefährliche vorübergehende Rotfärbung des Harnes.

Ein wichtiger Schritt im Zuge der Behandlung ist der Punkt, an dem die Tuberkelbazillen im Auswurf nicht mehr nachweisbar sind und sich das Lungenröntgen gebessert hat; dann gilt ein Patient nämlich als nicht mehr ansteckend und kann aus dem Krankenhaus in die Betreuung durch niedergelassene Lungenfachärzte entlassen werden. Tatsächlich geheilt gilt ein Tuberkulose-Patient dann, wenn er das gesamte Behandlungsschema durchlaufen hat und sich nach den herrschenden Richtlinien verhalten hat. Unregelmäßige Einnahme von Medikamenten oder die Einnahme von nur einem Medikament (Monotherapie) kann zu Resistenzen führen. In diesem Fall wirken dann die Standardwirkstoffe nicht mehr, und es muss mit nebenwirkungsreichen und teureren Reservemedikamenten behandelt werden. Der Heilungsverlauf wird durch Lungenröntgen und Kontrollen des Auswurfs begleitet. (Alexander Lindemeier, DER STANDARD Printausgabe, 23.03.2009)

 

 

  • Tuberkulose-Bakterien sehen unter dem Elektronenmikroskop harmlos aus
    foto: epa/narong sangnak

    Tuberkulose-Bakterien sehen unter dem Elektronenmikroskop harmlos aus

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