Vor der eigenen Tür

19. März 2009, 19:51
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Politiker, denen die nationale Ehre angeblich so wichtig ist, drehen Worthülsen - Von Günter Traxler

Das musste ja kommen, und überraschend ist höchstens, dass es so lange gedauert hat: In Heute, der Vorhut der Kronen Zeitung, entblößte nun der Vizekanzler seine nationale Heldenbrust und versprach: "Stelle mich vor Österreich" sowie "Schluss mit der Vernaderung", nämlich mit der aus gegebenem Anlass vom infamen Ausland wieder einmal aufgewärmten Behauptung, Österreich wäre ein Naziland. Und ein Refugium von Steuerhinterziehern. Da wird sich der Bundeskanzler wohl nicht mehr lange die Show stehlen lassen und in den Chor der Patentpatrioten einstimmen. Denn vom Ausland lassen wir uns schon gar nichts sagen.

Die Meldung, Österreich sei ein Aufmarschgebiet von Neonazis, ist stark übertrieben, es waren ja bloß Paintballspieler, aber den Ruf, ein Nazi-Land zu sein, hat es sich in jahrzehntelanger Arbeit wohl, wenn auch unredlich, selbst erworben, weshalb die Beschwerden über eine allfäl-lige Rufschädigung getrost an die eigene Adresse zu richten wären - vorausgesetzt, sie entspringen ehrlichem demokratischem Engagement und nicht nur einer quälenden Sorge um den Fremdenverkehr. Medien, denen die nationale Ehre so wichtig ist, wenn es der Auflage dient, mobilisieren, statt die Form ihrer Berichterstattung zu überdenken, lieber das gesunde Volksempfinden, indem sie "die Österreicher" fordern lassen, "sperrt Josef F. einfach weg", und in Vorwegnahme eines Gerichtsurteils verkünden, der Betreffende "kommt nie wieder raus".

Politiker, denen die nationale Ehre so wichtig ist, wenn es der Popularitätshascherei dient, drehen Worthülsen, statt, wie es ihre Pflicht wäre, etwas zur Rettung besagter Ehre zu tun. Fälle ähnlich grausiger Natur wie der des Josef F. und seiner Opfer gab es und gibt es in anderen Ländern auch, ohne dass diese reflexartig als Brutstätten des Nazismus gebrandmarkt werden. Dass solche Assoziationen sich hartnäckig bei Österreich einstellen, hat Gründe, die nicht einer speziellen Perfidie des Auslandes entspringen, sondern hausgemacht sind.

Da muss man gar nicht bis zur Begeisterung zurückgehen, mit der Österreicher 1938 die Beraubung und Erniedrigung jüdischer Mitbürger zu ihrem arischen Anliegen machten, und auch nicht bis zur jahrzehntelangen Verweigerung von Entschädigung und Schuldeingeständnis nach 1945. Es reicht der Blick in eine Gegenwart, in der ein Landeshauptmann sich auch gleich die Rolle eines obersten Rechtswahrers anmaßt, Asylsuchende auf einer Saualm interniert halten kann, ohne dafür rechtsstaatliche Konsequenzen gewärtigen zu müssen - nein, befriedigt darf er zusehen, wie seine Saat bei Wahlen aufgeht.

Wo hat sich da ein Kanzler oder Vizekanzler "vor Österreich" gestellt? Würden sie und ihre Regierung sich ebenso vehement für eine korrekte Ortstafelregelung in die Schlacht werfen, wie sie nun - vermutlich als originelle Form einer Mindestsicherung - für das Bankgeheimnis kämpfen, wäre es um Österreichs Ruf ohne Zweifel besser bestellt. Noch besser, wenn nicht mit Parteien geliebäugelt würde, bei denen man schon froh sein muss, wenn Naziverharmlosung nicht in Naziverherrlichung umschlägt. Am allerbesten: Zuerst vor der eigenen Türe kehren! (Günter Traxler/DER STANDARD-Printausgabe, 20. März 2009)

 

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