Der falsche Zeitpunkt

19. März 2009, 19:18
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Die Pensionsdebatte ist zur Glaubensfrage mutiert, in der für Grautöne wenig Platz bleibt - Von Gerald John

Gehören Sie zu den Panikmachern? Oder doch zu den Schönrednern? Die Pensionsdebatte ist zur Glaubensfrage mutiert, in der für Grautöne wenig Platz bleibt. Wer dem System nicht schon morgen den Kollaps prophezeit, gilt den einen als Beschwichtiger, wer auch nur das kleinste Reförmchen einmahnt, den anderen als Alarmist.
Als "Larifari" wischen Karl Blecha und Andreas Khol langfristige Prognosen vom Tisch, die vor einer wachsenden Finanzierungslücke warnen. Die Seniorenvertreter ignorieren im Kern unbestreitbare Fakten - und haben mit ihrem Nein zu einer Pensionsreform dennoch recht. Nicht weil die Altersversorgung durch gutes Zureden auf ewig gesichert wäre. Sondern weil der Zeitpunkt einfach falsch ist.

Falls es jemand vergessen hat: Österreich steckt in der Krise. Unternehmen sperren zu, weil die Nachfrage fehlt. Zu Recht investiert die Regierung Milliarden. Es wäre absurd, via Steuersenkungen verteiltes Geld durch Pensionskürzungen - denn darauf läuft eine umfassende Reform immer auch hinaus - wieder einzusammeln. Allein die Ankündigung von Einschnitten würde die Leute dazu verleiten, aus Angst noch eiserner zu sparen, als sie es ohnehin schon tun.
Außerdem sind die Folgen der Krise nicht ausreichend vorhersehbar, um deshalb Hals über Kopf ein System umzukrempeln. Dass nicht jede kurzfristige Entwicklung zum Trend wächst, sollten gerade jene reformfreudigen Auguren wissen, die privaten Pensionskassen und -fonds vor wenigen Jahren noch eine goldene Zukunft prophezeiten. (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 20. März 2009)

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