"Wir zahlen nicht für ihre Krisen"

19. März 2009, 22:08
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In Frankreich setzten die Arbeitnehmer mit einem Streiktag die Regierung unter Druck - Verkehrschaos blieb aus - mit Video

Die Staats- und Regierungschefs der EU mühten sich bei einem Gipfeltreffen in Brüssel um eine einheitliche Linie bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise. In Frankreich setzten die Arbeitnehmer mit einem Streiktag ihre Regierung unter Druck.

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Nicht alle Parolen werden dem Ernst der Stunde gerecht. "Sarko, wir versohlen dir den Hintern", schreit ein Einheizer der Gewerkschaft Sud ins Mikrofon, und ebenso laut skandiert die Menge mit. Und es ist eine große Menge, die an diesem Donnerstag unter dem blauen Himmel und über die breiten Boulevards von Paris zieht.

"Mehr kämpfen, um mehr zu verdienen", verballhornt ein Anarcho-Flugblatt den einstigen Wahlkampfspruch von Präsident Nicolas Sarkozy, "mehr arbeiten, um mehr zu verdienen." Zehntausende von Demonstranten verlangen "mehr Kaufkraft" - das war auch einmal ein präsidialer Slogan. "Ich verdiene den Mindestlohn von netto 1000 Euro", erzählt ein Verkäufer der Supermarktkette Carrefour. "Soll mir einer sagen, wie ich da mit einer Wohnungsmiete von 650 Euro leben soll!" Carrefour habe durch Sarkozys Wirtschaftsmaßnahmen insgesamt 150 Millionen an Lohnabgaben gespart. "Wir wollen auch etwas davon sehen!"

Im Vorbeigehen klebt ein älterer Mann ein Plakat an einen Baum auf dem Boulevard Beaumarchais: "Wir zahlen nicht für ihre Krisen", heißt es auf dem Appell gegen den G20-Gipfel in London. Was verlangt er stattdessen? "Mehr Kohle", kommt die Antwort wie aus dem Rohr geschossen. "Mehr Geld, ein Entlassungsverbot in jenen Firmen, die Millionengewinne an ihre Aktionäre ausschütten, und den Stopp des Stellenabbaus im öffentlichen Dienst." Der weißbärtige Mathematiklehrer aus einer Banlieue-Gemeinde zeigt auf ein anderes Transparent: "Wer Elend sät, erntet Wut", steht darauf. Unten in Südfrankreich hätten sie bei der Fabrikschließung einen Direktor als Geisel genommen, erzählt der Lehrer; und die Arbeiter der Reifenherstellers Continental hätten ihren Patron mit Eiern beworfen.

Nicht von ungefähr demonstrieren an diesem zweiten Großkampftag seit Mitte Februar besonders viele Angestellte aus der französischen Privatwirtschaft. An den landesweit 200 Umzügen mit laut Polizei 1,2 Millionen Demonstranten sind sogar Gewerbetreibende und Pensionisten zu sehen, die in ihren Provinzstädten um ihre Zukunft bangen, seit der lokale Autoteil-Zulieferer oder Stahlbetrieb die Pforten geschlossen hat. 78 Prozent der Franzosen unterstützen den Generalstreik - so viel wie wohl noch nie in Frankreich. In Paris kam es am Abend zu Ausschreitungen, bei denen bis zu 600 Jugendliche Mülltonnen in Brand steckten und die Polizei mit Flaschen bewarfen. Die Beamten setzten Tränengas ein und nahmen einige Demonstranten fest.

Bereitschaft zum Volksaufstand

In Paris beeindruckt die vereinte Masse Tausender die Faust reckender Demonstranten stets besonders angesichts der stets spürbaren Bereitschaft zum Volksaufstand. Die militante Gewerkschaft Sud versucht nach diesem zweiten Aktionstag ab 1. Mai einen richtigen, zeitlich unbeschränkten Generalstreik anzuzetteln. Etabliertere Organisationen wie die CGT oder CFDT zaudern. Sie wissen auch, dass die Staatskasse leer ist und Sarkozy gar keine Mittel für aktive Sozialmaßnahmen mehr hat. Aber sie sehen gleichzeitig, dass die Arbeiter ob der Krise immer erboster oder verzweifelter sind und radikalen Kräften wie Sud oder dem Chef der "Neuen Antikapitalistischen Partei", Olivier Besancenot, zuneigen.

Die für einmal geeinte Gewerkschaftsfront könnte deshalb schnell in die Brüche gehen. Das würde der wachsenden Sozialbewegung aber die Spitze nehmen. Denn nur der breite Schulterschluss auf der Straße bewirkt in Frankreich etwas. In den Betrieben sind weniger als acht Prozent der Angestellten gewerkschaftlich organisiert - für Europa fast ein Minusrekord. Zudem stellen sich die Franzosen immer besser auf die Streiks ein: Obwohl gestern nur die Hälfte der Züge verkehrten, blieb das befürchtete Verkehrschaos weitgehend aus. Schulen und Ämter waren weitgehend geschlossen, doch auch dies bedrängt die Rechtsregierung kaum, eben weil sich die meisten Eltern, Schüler oder Verkehrsbenützer mit dem Streik arrangieren. (red/Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Brennen statt rollen: Mitarbeiter von Continental in Compiègne im Norden Frankreichs zündeten Reifen an, um ihren Protest über die Wirtschaftskrise kundzutun.

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