Slumdog wird nicht Millionär

19. März 2009, 11:11
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Eine Replik auf Armin Assinger, der ungewollt der indischen Kritik an dem Film recht gibt - Von Bernhard Obermayr

Slumdog Millionaire hat in Indien heftige Debatten ausgelöst. Klarerweise ist man großteils stolz auf den Erfolg des Films. Der Umstand aber, dass es dafür einen britischen Regisseur und eine auf ein westliches Publikum abgestimmte Darstellung indischer Slums braucht, sorgte für Kritik. Ein Teil der Kritik ist natürlich dumm nationalistisch – vonwegen Indien dürfe nicht negativ dargestellt werden. Ein Teil scheint aber offensichtlich gerechtfertigt. Zumindest lässt sich Armin Assingers Kommentar als Beweis dafür heranziehen. Der westliche Seher ist gerührt von den widrigen – aber wahrscheinlich sogar geschönten – Lebensumständen in den Slums. Der westliche Seher begreift den Spielfilm als „Sozialdrama“ und ist froh, dass er auch die Lebensfreude zeigt, und dass man es schlussendlich doch die Möglichkeit des Ausbruchs gibt. Das versöhnt und lehrt uns selbst auch wieder etwas Bescheidenheit bei unseren vergleichsweise kleinen Problemen.

Genauso wird, und das ist die ernstzunehmende indische Kritik an dem Film, die Armut in Indien zur exotischen Ressource im Kulturexport transformiert. Eine Auseinandersetzung findet nicht statt, sie wird aber vorgeschoben. Da kann man dann im Kino die Scheiße riechen durch die der Protagonist als Kind zu seinem Autogramm – im übrigen nicht von einem Fernseh-, sondern dem größten Indischen Filmstar seiner Zeit Amitabh Bachchan - kommt. Da kann man dann Lebensfreude und Gewitztheit erkennen, wo es vielmehr um Ausweglosigkeit und vergebliche Anstrengung geht (das Autogramm wird im vom stärkeren Bruder sofort abgejagt).

Slumdog Millionaire ist kein Sozialdrama. Die Handlung hat nicht die geringste Plausibilität im Sinne einer Übertragbarkeit auf die indische Wirklichkeit. Das ist banal und den meisten Filmen eigen. Ein Film aus Indien, der im Westen erfolgreich wird, darf offenbar nicht sein was er ist: Ein Stück intelligent gemachter Unterhaltung. Sofort muss er zum Sozialdrama verkommen. Eine Unterstellung mit der westliche Produktionen nicht konfrontiert werden. Niemand kam etwa auf die Idee, dass „Pretty Women“ etwas mit der Realität von Prostitution in den USA zu tun hätte. In Indien würde niemand auf die Idee kommen, dass der Protagonist es auch nur in die Show schaffen würde. Allein die Sprachbarrieren wären für eine englischsprachige Sendung zu groß.

Der Film fungiert somit im Westen als Bestätigung von unreflektierten Indienbildern und bedient eigene Erlösungshoffnungen. Der Slumdog kann ja doch Millionär werden. „Es darf einfach nicht sein, was nicht sein kann! Und trotzdem passiert es ...“ kann Assinger erleichtert nach Bestaunen des Films seufzen. Und die indische Kritik an Slumdog Millionaire behält leider recht. (Bernhard Obermayr, derStandard.at, 19.3.2009)

Bernhard Obermayr lebt und arbeitet als Leiter der Greenpeace Klimakampagne in Indien.

Siehe: "Eintauchen in eine andere Welt" - Armin Assinger über Slumdog Millionaire

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